Viele Interessierte an der Bürgersprechstunde in Ilten

Viele Interessierte an der Bürgersprechstunde in Ilten
Auf dem Podium saßen Olaf Kruse, Time Rittgerodt, Prof. Dr. Marc Ziegenbein, Robert Glaß, Sandy Steve Choitz und Ina Nentwig (v.li.). Ganz links steht Moderator Dr. Stefan Pilz – Foto: JPH

Zu einer offenen Bürgersprechstunde hatte das Klinikum Wahrendorff gemeinsam mit dem Ortsrat Ilten am Dienstag 19.09.2023, von 18 bis 20.30 Uhr, in die Wilhelm-Raabe-Schule eingeladen (SN berichtete). Dazu wurden auf das Podium dieses Mal auch der Leiter des Amtsgerichtes Lehrte, Robert Glaß, die Leiterin des Polizeikommissariats in Lehrte, 1. Kriminalhauptkommissarin Ina Nentwig, und der Sehnder Bürgermeister Olaf Kruse eingeladen. Von den Veranstaltern standen Timo Rittgerodt, Geschäftsführer Klinikum Wahrendorff,  und Professor Dr. Marc Ziegenbein, ärztlicher Direktor und Chefarzt, sowie Ortsbürgermeister Sandy Steve Choitz auf dem Podium bereit. Die Moderation nach den Einführdungstatements übernahm Dr. Stefan Pilz.

Schwerpunkt des Abends mit rund 200 Besuchern war der Vorfall mit dem im offenen Wohnen untergebrachten  Kevin B. und den ihm zugeschriebenen Vorfällen von acht Belästigungen junger Frauen und Jugendlichen in Ilten.

Forensische Nachsorge

Der nunmehr verdächtige Kevin B. war zuvor von einer Strafvollstreckungskammer an das Klinikum Wahrendorff in die forensische Nachsorge zur Unterbringung überstellt worden mit dem Ziel, die Zurückführung in ein eigenbestimmtes Leben zu prüfen und zu unterstützen. Diese Strafvollstreckungskammern gibt es an den Landgerichten. Sie sind die Vollstreckungsgerichte für die Maßregelvollzugspatienten. Während der Unterbringung im Maßregelvollzug (MRV) muss die Strafvollstreckungskammer des zuständigen Landgerichts regelmäßig prüfen, ob der psychisch kranke Straftäter entlassen werden kann.  Den Angaben von  Professor Dr. Ziegenbein zufolge habe man in über 30 Jahren bisher im niedrigen zweistelligen Bereich solche Unterbringungen gehabt. Die Plätze dafür gäbe es aber in Deutschland nicht sehr häufig. Den ergänzenden Angaben von  Joachim Ziert, Heimleitung  beim forensischen Probewohnen, seien etwa ein Drittel davon resozialisiert worden.

Der Ortsbürgermeister Choitz hob hervor, dass er nach der Polizeimeldung nach der siebten Tat bemerkt habe, wie sich in Ilten nach den Vorfällen Unsicherheit und Angst ausgebreitet hätten und das Sicherheitsgefühl der Bürger beeinträchtigte worden sei.

Zuordnung der Taten

Die Erste Kriminalhauptkommissarin Ina Nentwig erläutert die Abläufe bei der Polizei – Foto: JPH

Die Leiterin des Polizeikommissariats Lehrte erläuterte den Besuchern die Abläufe nach der Meldung der ersten Tat am 23. Dezember  2022. Da das Mädchen damals lediglich umarmt wurde von hinten, ging die Polizei nicht von sexueller Belästigung aus, da keine entsprechenden Berührungen stattfanden. Danach seien zunächst drei Monate Ruhe gewesen, bevor im März  die zweite gleichartige Tat geschah. Dabei gab es jeweils keine verwertbaren Täterbeschreibungen oder Spuren.  Zwei weitere Tat ereigneten sich  im Lehrter Bereich, die man aufgrund etwas unterschiedlichen Täterverhaltens und der räumlichen Zuordnung nicht mit den ersten beiden in Verbindung brachte.  Auch hier gab es aus Sicht der Polizei keine brauchbaren Hinweise zur Weitergabe an die Öffentlichkeit. Zwischenzeitlich hatte man die Streifentätigkeit in Ilten intensiviert, aber ohne weitere Erkenntnisse. Vielmehr entschloss man sich gegen  ein Information an die Bevölkerung, um keine Unruhe zu erzeugen. Danach war wieder bis Mitte Juni keine weiter Tat.

Dann geschahen weitere zwei Taten, woraufhin für die Polizei die Zusammenhänge erkennbar wurden. Zudem geschah im Juli eine Tat mit sexuellem Hintergrund, als der Täter versuchte, dem Opfer die Hose herunter zu ziehen.  Nach diesen neuen Erkenntnissen und einer ersten brauchbaren Täterbeschreibung gab es die Information an die Presse.  Dann, nach der achten Tat, wurde der mutmaßliche Täter, Kevin B., gefasst. „Wir waren von seinem Hiersein überrascht“, fügte Nentwig hinzu. „Oft stochert die Polizei im Nebel, weil zum Start nur wenige Informationen vorliegen.“ Sie fügte hinzu, dass man mit dem Wissen von heute die Informationen schon früher herausgegeben hätte.

Entscheidung zur Unterbringung

Der Leiter des Amtsgerichts Lehrte sprach generell über den MRV und die Prüfungspflicht der Strafvollzugskammer sowie den Ablauf und die Prüfungen bis zur Überstellung in die forensische Nachsorge. Hier hätten sich die Besucher gewünscht, jemanden von dieser Kammer auf dem Podium zu sehen.

Bürgermeister Kruse hob die bislang gute Zusammenarbeit mit Klinikum und Polizei hervor und betonte die Wichtigkeit, dass sich alle Bürger in Sehnde sicherfühlen würden. Auch im zukünftigen Miteinander wolle man die Lehren auf dem Fall umsetzen.

Fragerunde gestartet

In der folgenden Fragerunde berichtete Nentwig über ihre Erfahrungen aus dem Dezernat „Sexualdelikte“, in der es keinen vergleichbaren Fall gegeben habe. Auch der Kontakt zwischen Politik und Klinikum sei immer vorhanden, betonte Rittgerodt. „Auch wir hatten bis zum Mai keine Erkenntnisse zu einem möglichen Täter, denn die Taten passten nicht zu einem forensischen Patienten.“  Doch eine frühe telefonische Anfrage nach entsprechenden Gerüchten, so berichtete eine Besucherin, habe die Polizei ihr mit der Antwort „wir wissen von nichts“ beantwortet.  

Opferhilfe vermisst

Die Sprechstunde brachte viele Antworten für die Bürger – Foto: JPH

Bemängelt wurden auch die fehlenden Angebote an die Opfer. Die Mutter einer betroffenen Tochter berichtete von ihren Erfahrungen, dass man nach der Tat keine Hilfsangebote erhalten habe und ihre Erfahrungen mit dem Weißen Ring, an den sie sich gewandt habe. Die Reaktionen seien ihr zufolge entmutigend gewesen.  „Man sagte mir, nach sechs Monaten verschwindet das Trauma. Reichen Sie Nebenklage ein und melden Sie sich sonst wieder bei uns.“ Laut Rittgerodt habe das Klinikum allerdings drei Telefonnummern mit einem Hilfsangebot im Marktspiegel veröffentlicht. „Aber auf die Opfer direkt zugehen konnten wir nicht, da wir die Namen und Anschriften  nicht erhalten dürfen“, betonte er.

Aus dem Publikum kam dann zudem an die Mutter der Hinweis auf die Unterstützung durch die „Opferhilfe Niedersachsen“.  Nentwig sagte außerdem zu, dass die Opferfamilien innerhalb der nächsten zwei Wochen Post von der Polizei erhalten mit Informationen zur Opferhilfe.

Unverständnis für Verlegung

Emotional wurde es, als der extra aus Wolfsburg angereiste Ehemann der von Kevin B. ermordeten Frau die Frage stellte, wieso man einen verurteilten Täter, der auch im Vollzug aggressiv gegen Mitbewohner gewesen sein soll, nach einem „Gutachten mit schlechter Prognose“ quasi in ein „Erholungsheim“ entlassen habe. „Er darf nicht wieder auf die Straße. Es ist dann nur ein Frage der Zeit, bis es ein oder zwei Tote gibt“, zeigte er sein Unverständnis für die Entscheidung der Strafvollzugskammer.

Allgemeine Sicherheitssituation verbessern

Die Vertreter des Klinikums informierten zudem darüber, dass man auch die allgemeine Situation in Ilten verbessern wolle und dazu Streetworker eingestellt habe, die bei Problemen im Vorfeld polizeilicher Maßnahmen eingreifen sollen. Sie könnten gerufen werden über das Klinikum, wenn Fälle von „Unsicherheit ohne strafrelevanten Bezug“ entstünden.

Damit ging man auf die Trinkerszene Am Park ein, die einige der Gäste durch Abbau der Bänke beim dortigen Supermarkt beseitigt haben wollten. Dem widersprach zunächst der Ortsbürgermeister Choitz, der riet, erst einmal die Arbeit der Streetworker abzuwarten und sich danach erneut um dann noch notwendige Lösungen zu kümmern .

Lehren aus dem Vorfall

Ortsbürgermeister Sandy Steve Choitz sprach sich gegen den Abbau der Bänke Am Park aus – Foto: JPH

Gegen  20.30 Uhr kam man dann zum Fazit der Diskussion. Professor Dr. Ziegenbein sagte zu, dass man zukünftig proaktiver sein werde seitens des Klinikums mit mehr Aufklärung und Transparenz. Rittgerodt fügte hinzu, dass es ihn betroffen mache, dass man die Opfer allein gelassen habe und dass man sich da verbessern wolle.

Bürgermeister Kruse bot den Opfern auch die Unterstützung der Stadt Sehnde an, die über entsprechende Kontakte und Stellen verfüge. Amtsgerichtsleiter Glaß bat um weiteres Vertrauen in die Justiz und Ortsbürgermeister Choitz wies auf den Herbst hin, in dem man sich mit dem Ortsrat, dem Klinikum und der Polizei bezüglich der Trinkerszene Am Park treffen werde. Die Leiterin der Polizei in Lehrte,  Nentwig, zeigte sich betroffen, dass das Sicherheitsgefühl in Ilten beschädigt worden sei und dass man dieses wieder herstellen wolle. Zudem solle die Informationsarbeit geprüft werden.

Damit endet die größtenteils sehr sachlich geführte Bürgersprechstunde, was erheblich zur Klärung der Vorgänge beigetragen hat, wenn auch sicher nicht alle Besucher restlos zufrieden nach Hause gingen.

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