„Liegend in die Zukunft“: Sonderausstellung über die Liegeräder mit vielen Einzelstücken und Raritäten in Wehmingen

Liege- und Sesselräder aus mehr als hundert Jahren sind derzeit in Wehmingen auf dem Gelände des Hannoverschen Straßenbahnmuseums zu sehen. Die Sonderausstellung des dortigen Fördervereins Mobile Welten umfasst einzigartige Prototypen, die noch nie zuvor öffentlich gezeigt wurden. Sie stammen aus der Werkstatt des Kölner FH-Professors Paul Schöndorf, Jahrgang 1937. Er begann nach der Ölkrise in den 1970er Jahren, sich Gedanken über Alternativen zum Auto zu machen. Gemeinsam mit seinem Team ermittelte er unter anderem den Einfluss von Verkleidung und Geometrie auf Fahrleistungen und Alltagstauglichkeit. Sein Ziel war ein Fahrrad, mit dem er auch bei schlechtem Wetter zur Vorlesung fahren konnte, ohne sich in Regenkleidung quälen zu müssen. Die Räder sollten zudem den gleichen Komfort bieten wie Autos und mehr Sicherheit als herkömmliche Bikes.
Erstes Ergebnis: vier Räder
Das erste Ergebnis war ein vierrädriges “Muscar” (“Muskel-Auto”), das komplett mit einer aerodynamischen Glasfaser-Karosserie verkleidet war. Die Haube aus Plexiglas öffnete sich nach oben, wie bei einem Segelflugzeug. Auf der Fahrradmesse IFMA in Köln sorgte das Gefährt 1976 für eine Sensation. Doch für den alltäglichen Einsatz erwies es sich als zu schwer und zu unpraktisch.
Über drei zu zwei Rädern
Anschließend optimierte Schöndorf das Konzept immer weiter – zunächst mit dreirädrigen, dann mit zweirädrigen “Sesselrädern”. Von den klassischen Liegerädern unterscheiden sich diese unter anderem durch eine aufrechtere Sitzposition, was ihre Alltagstauglichkeit erhöhen sollte. Die meisten dieser Räder hatten auch eine feste oder faltbare Verkleidung, einige waren sogar gefedert. Damit standen sie Pate für Entwicklungen, die sich erst Jahre oder Jahrzehnte später durchsetzen sollten.
Komplette Ausstellung
Die Ausstellung in der Salzmühle zeigt eine nahezu lückenlose Folge der Evolutionsstufen über ein Jahrzehnt hinweg. In den Besitz der Sammlung gelangten die Mobilen Welten durch Zufall. “Der entscheidende Tipp kam von dem Hildesheimer Fahrradexperten Ingo Kollibay und danach konnte ich Professor Schöndorf überzeugen, dass seine Mobile in gute Hände kommen”, sagt Mobile-Welten-Vorstandsmitglied Gerhard Rickert, der die Ausstellung organisiert hat.
Ergänzt wird die Ausstellung durch weitere Leihgaben quer durch die lange Geschichte der Liege- und Sesselräder. Darunter befinden sich viele Einzelstücke, Kuriositäten, Rekordfahrzeuge und Raritäten – etwa der Nachbau eines patentierten Liegerads mit Seilsteuerung von 1925; oder ein original erhaltenes Sesselrad mit Teilverkleidung aus den 1930er Jahren. Die jüngsten Exponate stammen aus der Gegenwart: ausgereifte High-End-Maschinen, die dem alten Traum von Professor Schöndorf schon recht nahekommen.
Weitere Exponate
Neben der Sonderausstellung sind auch viele besondere Fahrräder aus der 200-jährigen Geschichte des Fahrrades in der Dauerausstellung zu sehen, unter anderem Fahrräder mit unterschiedlicher Antriebstechnik, frühe Lastenfahrräder und Rennräder.
Die Ausstellung findet in der ehemaligen Salzmühle auf dem Gelände des Hannoverschen Straßenbahnmuseums Am Straßenbahnmuseum 2 in Wehminge, statt. Sie ist sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet und dauert noch bis zum 31. Oktober. Der Eintritt ist im Rahmen eines Besuchs im Straßenbahnmuseum kostenlos.
Weitere Informationen gibt es im Internet.
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