Erstklassiger Blues für einen lässigen Sommernachmittag beim „Bluesfestival“ in Lehrte

Erstklassiger Blues für einen lässigen Sommernachmittag beim „Bluesfestival“ in Lehrte
Richie Arndt (li.) hatte mit Pitti Hecht und Gregor Hilden zwei Neulinge auf der Lehrter Bluesbühne eingeführt, die sich sehr willkommen fühlten – Foto: Susanna Veenhuis

„Die Bühne steht, die Technik läuft, die Sonne scheint, das Bier ist kalt. Also nix wie hin!“ – diese Nachricht von den Tontechnikern des Bluesfestivals im Hohnhorstpark auf Social Media gibt wohl wieder, was sich viele Festival-Fans jetzt am ersten „Samstach im September“ dachten. Denn da ist seit fast 40 Jahren Bluesfestival am „Rodelberch“ in Lehrte – wenn nicht gerade eine Pandemie Leib und Leben bedroht. Auch diese Live-Sause unter freiem Himmel musste deswegen zwei Jahre lang aussetzen. Umso begeisterter und energiegeladener stürzten sich die Frauen und Männer vom Verein Blues in Lehrte in die Vorbereitungen, als sich herauskristallisierte, dass das Bluesfestival wohl wieder stattfinden kann.

Rodelberch war gut besucht

Das Publikum war nicht minder begeistert: Über 1000 zahlende Gäste hatten sich zum Rodelberch aufgemacht, der mit seinem Abhang eine natürliche Tribüne bildet. Die große Bühne ist so ausgerichtet, dass die Fans mit ihren Picknickdecken und Klappstuhlreihen von dort aus bequem die Bands und das Geschehen auf der Bühne verfolgen können. Hunderte wollten lieber näher dran sein und fanden einen Stehplatz vor der Bühne – oder aber ein Eckchen zum Sitzen an einer der zahlreichen Biertischgarnituren, von denen aus sich an den nahen Essen- und Getränkeständen bequem Nachschub heranschaffen ließ.

Schließlich macht frische Luft hungrig und Hitze durstig, beides war reichlich vorhanden, und das ganz besondere Speisenangebot des Bluesfestivals gibt’s nur einmal im Jahr; diesmal sogar stilvoll auf Porzellan und mit richtigem Besteck gereicht. Denn mit der Aufgabe von Plastik- und Pappschalen hat das Bluesfestival einen weiteren Schritt zur Nachhaltigkeit vollzogen, den alle Besucher begrüßten. „Dann schmeckt der Salat nochmal so gut“, sagte Felicitas, extra fürs Festival aus Buxtehude angereist. Das Rezept für den beliebten Porreesalat mit Erdnüssen ist übrigens im Programmheft zu finden.

Berggeist auf dem Rodelberch

Richtig hungrig und vor allem durstig macht eine Bergtour. Die ist in Lehrte nur an einer Stelle möglich, und das ist der Aufstieg zum Gipfel des – übrigens bis heute höhentechnisch nicht vermessenen – Rodelberchs. Die spaßeshalber scheinbar erschöpften und nach Luft schnappenden Bergwanderer werden dort von der netten Crew der Berchkasse bestens umsorgt und bekommen auf Wunsch zur Stärkung einen kleinen Berggeist eingeschenkt – auch, wenn sie bei ihrer Ankunft nicht zu dem traditionellen „Hossa“-Ruf in der Lage sein sollten. Beinhart hat Thomas aus Hannover seine Freunde, die Festivalneulinge Andreas, Anne und Dagmar, eingenordet: „Das ist Kult! Ich hab‘ die gezwungen, hier hoch zu gehen, damit sie gleich in die richtige Stimmung kommen!“

Schon der Start war Qualität

„Da geht’s lang!“ Janice Harrington erzählte und sang Kurioses aus dem reichen Erfahrungsschatz ihres 80jährigen Lebens – Foto: Jürgen Achten

Da das Festival bekannt ist für die Qualität der Bands und außerdem der westfälische Gitarrero Richie Arndt so etwas wie ein Wiederholungstäter im guten Sinn in Lehrte ist, brauchten er und seine genialen Mitstreiter Gregor Hilden, ebenfalls Gitarre, und Percussionist Pitti Hecht sich nicht vor gähnender Leere zu fürchten. Schon da bewegten sich rund 1.000 Gäste auf dem Platz – man hätte ja sonst auch wirklich etwas ganz Feines verpasst.

Die drei Musiker trafen mit ihrem schönen Schaukelblues genau die Stimmung für einen „lazy sunny arvo“, einen sonnigen Samstach-Nachmittag. Mitgefangen – mitgehangen: Als die drei eine härtere Gangart anschlugen und schnellere Rhythmen über den sonnenwarmen Platz schickten, erhob sich das Publikum bereitwillig aus dem inneren Schaukelstuhl, klatschte im Takt und ließ auch schon mal die Tanzbeine zu „Black Magic Woman“ oder „Walkin‘ in Memphis“ zappeln.

Die zuckten dann endgültig außer Kontrolle, als eine wahre Black Magic Woman auf der Bühne vormachte, wie so ein richtiger Rock’n’Roll geht. Janice Harrington, 80 Jahre, zierte nicht, nur im blauen Abendkleid mit Beinschlitz den Programmtitel zu tanzen. Live zeigte sie mit einem zackigen Twist zusammen mit Johannes aus dem Publikum, der ihr Urenkel hätte sein können, Kniearthrose und Gelenkrheuma den Stinkefinger. Die zierliche Sängerin spielte ihre Band, allesamt Spitzenmusiker, mit ihrer großartigen Bühnenpräsenz bisweilen komplett in den Hintergrund. Sie erzählte und sang so manchen deftigen Witz und sparte auch nicht mit Weisheiten aus ihrem reichen Erfahrungsschatz mit Verflossenen.

„Mit Männern ist es wie mit Bussen. Wenn Du einen verpasst hast, kommt irgendwann der nächste – bestimmt“, sagte sie mit einem Augenzwinkern in Richtung ihres derzeitigen Gatten Werner Gürtler, der in der Band Posaune spielt. Aber kurz vor der Verzweiflung erhielten der sagenhafte Gitarrist Jan Hirte und die nicht minder versierten Musiker Dirk Vollbrecht, Bass, Andreas Bock, Schlagzeug, Niels von der Leyen an den Tasten und eben Posaunen-Werner doch noch mal Gelegenheit, ihr brillantes Können unter Beweis zu stellen.

Mitmachen war möglich

Amandyn Roses und Charlie Fabert von Rozedale schickten ihr Auditorium mit ihrem speziellen Sound zum Abschluss des Festivals noch einmal durch ein musikalisches Wechselbad der Gefühle – Foto: Susanna Veenhuis

Das Publikum brachte seinen Bewegungsdrang in verschiedenen Tanzformen zum Ausdruck: Vom fast unmerklichen und womöglich auch unwissentlichen Wippen und Wackeln über Disco-Beat und Ausdruckstanz bis hin zu Familienringelpietz mit Anfassen, damit die Kleinsten bei ihrem fröhlichen Mitwackeln nicht sofort wieder auf dem Windelpo landeten.

Da war es doch günstig, dass die Haus- oder vielmehr Platzband Pickup The Harp den Dance Flow auch in der Umbaupause nicht abreißen ließ. Mit „You get what you deserve“ hatte Gitarrist und rauhkehliger Sänger Markus Knab die zweite Bühne, nämlich den Standplatz ihres kompakten mobilen Equipments mit Verstärker, Energie und etlichen Tasten für die flinken Finger Alexander Sesslers zu ebener Erde mitten im Publikum eröffnet. Zusammen mit Bassist Horst Andree und Schlagzeuger Jonathan Zacharias ließen sie es aus ihrem Musik-Bollerwagen ordentlich krachen. Der trockene Untergrund ließ sogar einen Anstieg oder besser, ein Anrollen am Rodelabhang zu, wo die Karlsruher im Dunklen mit ihrer Wahnsinns-Mucke und ihrer Spielfreude den Berch zum Beben brachten.

Wiedersehen mit Bekannten

Apropos Familie: Das 37. Bluesfestival war für Bands wie für Besucher und Veranstaltende eine Art Familientreffen, denn nicht nur Richie Arndt sowie die meisten der Janice Harrington Allstar Band hatten in Lehrte schon mehrfach ihre Aufwartung gemacht. Die deutsche Ur-Bluesband Blues Company aus Osnabrück feierte seit dem ersten Bluesfestival 1984 auch immer mal wieder die runden Festival-Geburtstage mit und krönte nun die Wiederauferstehung nach Corona mit ihrem sechsten Besuch am Bluesberch. Bandleader Tosho Todorovic schwärmte von einem Gefühl des „coming home“ bei „einem der schönsten Bluesfestivals überhaupt“.

Mit der Blues Company XXL wurde der Laden richtig voll: Neben Sänger und Gitarrist Tosho, Mike Titré (Gitarre, Gesang, Bass und Mundharmonika), Arnold Ogrodnik (Bass und Tasten) sowie Florian Schaube an den Drums drängten sich auch noch die Bläsersektion mit Volker Winck am Saxophon und Trompeter Uwe Nolopp und die „Soul Sistaz“ Seda Devran und Elif Batman auf der Bluesbühne. In diesem Fall ist Masse auch Klasse: Fast ausschließlich eigene Stücke, wohl abgewogen zwischen Tempo, Spannung und relaxten, ebenso brillanten Balladen servierte die Blues Company ihrem Stammpublikum.

Top-Act aus Frankreich

Auch, wenn man im Kaffee- und Kuchenstand nicht allzu viel vom Showprogramm mitbekommt: die Crew hat ihren Spaß! – Foto: Susanna Veenhuis

Mit glasklarer Stimme und harten Riffs stellte sich Rozedale der Lehrter Bluesfamilie vor. Nach heißen Stücken im Blues Company-typischen Chicago-Blues mit Big Band Feeling mussten einige Besucher ein bisschen an ihren Hörgewohnheiten schrauben. Denn die französische Band Rozedale wartete mit einem konträren Blues-Verständnis auf. Die meisten begrüßten jedoch den rauhen, bisweilen punkigen Sound von Amandyn Roses (Gesang), Charlie Fabert (Gitarre), Pili Tempo (Bass) und Guillaume Pihet (Schlagzeug) und drehten zum Abschluss des Festivals nochmal richtig auf. Auch wenn sich so manche Besucher bei dem Titel „Whats going on“ von den 4 Non Blondes, mit dem Sängerin Amandyn ihr Stimmvolumen noch einmal präsentierte, dieselbe Frage stellten, das unglaubliche Können der vergleichsweise jungen Musiker fand Anerkennung: „Blues ist das nicht, aber geil!“ rief eine Besucherin fröhlich im Vorbeitanzen.

Mit einem Feuerwerk nach Hause

Ein Highlight im wahrsten Sinn des Wortes bildete das fantastische Feuerwerk zum Festival-Finale. Besucher, Musiker und Veranstalter wiegten sich zum Queens-Hit „We are the Champions“ in den Armen, den Kopf in den Nacken gelegt, um ja nichts von der fantastischen Himmelslichter-Komposition zu verpassen. Zur Sicherheit hatte die Feuerwehr das Gelände um den Feuerwerkplatz gründlich gewässert.

Während die Bands ihr Equipment zusammenpackten und die Helfer schon Tische und Bänke zusammenklappten, konnten die Besucher ganz beseelt nach Hause gehen. In seinem Kommentar zum Bluesfestival brachte Tosho es auf den Punkt. „Ich gestehe, auch nach vielen tausend Auftritten: es gab Sonnabend Momente, da habe ich – wegen der unfassbaren Reaktionen des Publikums – Gänsehaut gehabt!“

Susanna Veenhuis/JPH

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