Invasive Raubfischart bereitet sich in Norddeutschland aus – Angler liefern Daten

2010 berichteten Angler von ungewöhnlich aussehenden Zandern, gefangen im Mittellandkanal bei Braunschweig: sehr dunkle, kräftige Streifen bis zum Bauch, eine hohe erste Rückenflosse und keine sichtbaren spitzen Fangzähne. Diese Anglerfänge markieren die ersten Nachweise eines Wolgazanders (Sander volgensis) in Deutschland. Dank eines Citizen-Science-Projektes des AVN kann die rasante Ausbreitung der neuen Fischart anhand von über 1.100 Fangmeldungen bis heute sehr präzise nachvollzogen werden. Sie bietet Raum für Spekulationen darüber, welchen Einfluss der neue Räuber auf heimische Fischarten haben könnte. Sämtliche verfügbaren Informationen zum Wolgazander fasst die neue Publikation von Projektleiter Dr. Matthias Emmrich im Wissenschaftsmagazin „Zeitschrift für Fischerei“ zusammen.
Zander ohne Zähne
Wie der Name vermuten lässt, liegt der natürliche Verbreitungsschwerpunkt des Wolgazanders eigentlich im Osten Europas. In etwa vom Ural, über das Schwarze Meer bis nach Ungarn und die Donau aufwärts bis Österreich. Überall überschneidet sich sein Vorkommen mit dem des Zanders (Sander lucioperca), der auch bei uns heimisch ist.
Auf den ersten Blick mögen beide Arten sehr ähnlich aussehen. Doch es gibt eindeutige Merkmale zur sicheren Unterscheidung der eng verwandten Raubfische. Ein Blick ins Maul genügt: Dem Wolgazander fehlen die ausgeprägten Fangzähne des Zanders, auch „Hundszähne genannt. Außerdem hat der östliche Verwandte ein sehr markantes Streifenmuster, das bis weit hinunter zum Bauch reicht, ähnlich dem des Flussbarsches (Perca fluviatilis). Auch die erste der beiden Rückenflossen ist immer höher als die zweite. Und schließlich bleibt der Wolgazander mit maximal 65 Zentimetern weit hinter der Größe kapitaler Zander zurück, die zum Beispiel in Elbe und Weser weit über einen Meter lang und über 10 Kilogramm schwer werden können.
Anglerfänge liefern wertvolle Daten
„Wir können anhand unserer Daten und ständig neuer Fangmeldungen quasi seit Jahren live miterleben, wie sich eine gebietsfremde Fischart in Norddeutschland ausbreitet“, erläutert Dr. Emmrich, Fischereibiologe und Raubfisch-Experte beim AVN. „Ohne die Fänge der Angler wäre uns dieser heimliche Eroberungszug komplett verborgen geblieben, denn im Rahmen wissenschaftlicher Fischbestandsuntersuchungen gelingen Nachweise des Wolgazanders bisher nur äußerst selten.“
Schiffbare Wasserstraßen spielen bei der Ausbreitung des Wolgazanders eine wichtige Rolle: Sie verbinden ehemals isolierte Flusssysteme und fungieren quasi als „highways“ für gebietsfremde Arten, so Emmrich weiter.
Ausgehend vom ersten Nachweis bei Braunschweig hat der gestreifte Räuber sein Verbreitungsgebiet in Norddeutschland innerhalb von 15 Jahren enorm vergrößert. „Uns liegen mittlerweile bestätigte Nachweise des Wolgazanders aus elf Gewässern in sechs Bundesländern vor“, berichtet Matthias Emmrich.
Kumpel oder Konkurrent?
In den ersten Lebenswochen ernähren sich alle Raubfische meist von millimeterkleinem Zooplankton, zum Beispiel Wasserflöhen. Erst mit zunehmender Größe werden sie zu reinen Fischfressern. „Der Wolgazander ist ja nicht die einzige neue Fischart in unseren Kanälen und Flüssen“, erläutert Emmrich und verweist auf Grundelarten, die sich etwa gleichzeitig mit dem Wolgazander bei uns etabliert haben. Schwarzmundgrundeln, Kesslergrundeln und die kleine Marmorierte Grundel kämen mittlerweile ins fast ganz Niedersachsen vor und seien eine perfekte Beute für Raubfische. Barsch, Zander, Quappe, Aal und Wels und eben auch der Wolgazander profitieren von den neuen Kleinfischarten.
Aus dem Kanal in die Küche
Die rasante Arealerweiterung in knapp 15 Jahren verdeutlicht, wie gut der Wolgazander auch an unsere heimischen Gewässersysteme angepasst ist. Als nicht heimische Art haben Wolgazander in Niedersachsen keine Schonzeit und kein Mindestmaß. „Ich kann jeden nur ermutigen, einen gefangenen Wolgazander für die Küche mitzunehmen. Die Fische schmecken ausgezeichnet!“ schwärmt Dr. Matthias Emmrich.
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