Interview zur Bürgermeisterwahl am Sonntag: Dr. Marco Schinze-Gerber (CDU) – „Fünf von zehn plus 1“

Im Rahmen unserer Reihe „Fünf von Zehn – plus 1“ erscheint in den kommenden drei Tagen jeweils ein Gespräch mit einem Bürgermeisterkandidaten für Sehnde. Am dritten Tag geht es weiter mit Dr. Marco Schinze-Gerber, dem CDU-Kandidaten aus Sehnde. Aus Zeitgründen wurde das Interview in schriftlicher Form geführt. Zur besseren Information für unsere Leser haben wir die Antworten vom 31.08.2026 nicht gekürzt.
Was sind ihre persönlichen Ziele für die Wahlperiode?
Sehnde-News: Fangen wir mit den persönlichen Zielen für Sehnde an. Was wären Ihre Planungen für die Stadt?
Dr. Schinze-Gerber: Mein wichtigstes Ziel ist, Sehnde am Ende der Wahlperiode finanziell, organisatorisch und strukturell besser aufzustellen als heute.
Ein Bürgermeister entscheidet dabei nicht allein. Der Rat trifft die wesentlichen politischen Entscheidungen. Die Aufgabe des Bürgermeisters ist, gute Entscheidungen vorzubereiten, tragfähige Vorschläge vorzulegen, Mehrheiten zu organisieren und die Beschlüsse anschließend verlässlich umzusetzen.
Dafür setze ich fünf Schwerpunkte:
Erstensmöchte ich die Finanzen ordnen. Die Schulden verschwinden nicht in acht Jahren. Aber wir können den Kurs andern. Neue Projekte brauchen eine klare Priorität. Investitionen müssen sich an Notwendigkeit und Nutzen messen lassen. Schulen, Kitas, Feuerwehr und Infrastruktur stehen dabei vorne.
Zweitensmöchte ich eine Verwaltung, die verlässlich arbeitet, verständlich kommuniziert und für die Bürger gut erreichbar ist. Digitalisierung muss Abläufe schneller und einfacher machen. Dazu gehört auch der sinnvolle Einsatz von künstlicher Intelligenz.
Drittensmöchte ich die großen offenen Fragen entscheidungsreif machen. Neue Mitte, Rathaus, Keramische Hütte, Wohnungsbau und Gewerbeentwicklung dürfen nicht weitere Jahre liegen bleiben. Der Bürgermeister muss dazu belastbare Vorlagen erarbeiten, Varianten bewerten und dem Rat eine klare Entscheidungsgrundlage geben.
Viertensmöchte ich stärker vorausplanen. Dazu gehört für mich auch ein digitaler Zwilling für Sehnde. Das ist kein „digitales Spielzeug“ und auch nicht einfach nur ein dreidimensionales Stadtmodell. Ein digitaler Zwilling führt vorhandene Daten zu Bevölkerung, Gebäuden, Bauflächen, Straßen, Verkehr, Schulen, Kitas, Infrastruktur und Umwelt in einem gemeinsamen Modell zusammen. Entwicklungen lassen sich damit durchrechnen und sichtbar machen. Solche Systeme werden bereits in deutschen Kommunen eingesetzt.
Für Sehnde sehe ich darin einen ganz praktischen Nutzen. Was bedeutet ein neues Baugebiet mit 100 Wohnungen für Kita-Plätze und Grundschulen? Wie verändert sich der Verkehr? Welche Straßen und Kanäle werden zusätzlich belastet? Wo entstehen bei Starkregen Risiken? Wie wirken sich neue Gebäude auf Verschattung und Stadtklima aus? Ein digitaler Zwilling verbindet diese Fragen, statt sie in einzelnen Fachbereichen getrennt zu betrachten.
Der digitale Zwilling nimmt dem Rat keine Entscheidung ab. Er sorgt dafür, dass der Rat bessere Entscheidungen treffen kann. Die Verwaltung kann Varianten früher vergleichen, Folgen sichtbar machen und dem Rat belastbarere Vorlagen geben. Genau das verstehe ich unter vorausschauender Verwaltung: Probleme erkennen, bevor sie teuer werden.
Fünftensmochte ich die Bürger früher und breiter beteiligen. Digitale Teilhabe gehört für mich dazu. Beteiligung darf nicht davon abhängen, ob jemand an einem Dienstagabend Zeit für einen Workshop im Rathaus hat.
Andere niedersächsische Städte zeigen, wie das funktionieren kann. Goslar verbindet mit dem „MachMit!Haus“ einen festen Ort in der Innenstadt mit einer digitalen Beteiligungsplattform. Dort können Bürger sich über Projekte informieren, Ideen einbringen und an konkreten Befragungen teilnehmen. Aktuell reicht das Spektrum von Verkehrsfragen bis zur Gestaltung von Spielplätzen.
Auch Hildesheim kombiniert analoge und digitale Beteiligung. Bei der Planung eines neuen Stadtquartiers konnten Bürger ihre Ideen online und vor Ort einbringen. An der ersten Befragung beteiligten sich 630 Menschen. Die Ergebnisse flossen anschließend in die städtebaulichen Varianten ein. Genau darauf kommt es an: Beteiligung muss früh stattfinden und erkennbar etwas bewirken. Für Sehnde möchte ich eine solche digitale Beteiligungsmöglichkeit aufbauen. Dort können Bürger Planungen sehen, Varianten vergleichen, Hinweise auf einer Karte eintragen, Fragen beantworten oder eigene Vorschläge machen. Das bietet sich etwa für die Neue Mitte, Spielplätze, Verkehrsplanung, Radwege oder die Entwicklung der Ortsteile an.
Dabei ersetzt die digitale Beteiligung das persönliche Gespräch nicht. Sie ergänzt Bürgerversammlungen, Ortsratssitzungen, Workshops und Gespräche vor Ort. Gerade für Berufstätige, Familien oder Menschen aus den kleineren Ortsteilen entsteht so ein zusätzlicher Zugang. Der Rat entscheidet am Ende. Die Verwaltung muss aber dafür sorgen, dass er vor seiner Entscheidung ein breiteres Bild davon bekommt, was die Menschen bewegt. Beteiligung darf deshalb nicht erst beginnen, wenn eine Planung im Wesentlichen abgeschlossen ist.
Mein Maßstab ist einfach: Die Verwaltung arbeitet verlässlicher. Entscheidungen sind besser vorbereitet und nachvollziehbar. Der Rat bekommt echte Handlungsvarianten. Die Stadt geht sorgfältiger mit Geld um. Und die Menschen merken, dass ihre Anliegen ernst genommen werden.
Wohin soll sich Sehnde Ihrer Meinung nach entwickeln?
Sehnde-News: Nun zu den fünf Fragen. Sie haben sich als erste für die Frage „Wohin soll sich Sehnde entwickeln entschieden.
Dr. Schinze-Gerber: Sehnde soll eine starke und eigenständige Stadt im Osten der Region Hannover sein. Keine Schlafstadt für Hannover und kein Standort, der seine Flachen vor allem für Logistikhallen verbraucht. Unsere Stärke liegt in der Mischung. Die Kernstadt hat Bahnhof, Einzelhandel und zentrale Einrichtungen. Gleichzeitig prägen 14 weitere Ortsteile Sehnde. Sie haben eine eigene Identität, aktive Vereine, Feuerwehren und starke Dorfgemeinschaften. Diese Struktur möchte ich erhalten.
Sehnde darf wachsen. Aber Wachstum muss zur Infrastruktur passen. Neue Wohnungen brauchen auch Kita-Plätze, Schulen, Straßen, OPNV, Ärzteund Nahversorgung. Deshalb unterstütze ich die Eigenentwicklung unserer Ortsteile. In der Kernstadt bieten das Südtorfeld und die Keramische Hütte Entwicklungsmöglichkeiten. Für Wehmingen, Ilten und Dolgen wurde die bauliche Weiterentwicklung bereits beschlossen.
Wir brauchen unterschiedliche Wohnungen. Familien suchen Bauplätze und Häuser. Ältere Menschen brauchen kleinere und barrierearme Wohnungen. Wer im Alter sein Haus aufgibt, soll möglichst im eigenen Ort bleiben können. Auch bezahlbare Mietwohnungen gehören dazu. Beim Gewerbe gilt für mich Wertschöpfung vor Fläche. Unternehmen mit qualifizierten Arbeitsplätzen, Mittelstand, Handwerk und neue Technologien bringen Sehnde langfristig mehr als immer neue großflächige Logistik.
Der Bürgermeister kann diese Entwicklung nicht allein festigen. Er kann aber Ziele formulieren, Planungen vorbereiten, Investoren ansprechen, Verwaltungshandeln bündeln und dem Rat tragfähige Vorschläge vorlegen.
Sehnde soll eine Stadt sein, in der man gut wohnen, arbeiten, einkaufen und seine Freizeit verbringen kann. Wachstum ja, aber mit Maß und mit einem klaren Plan.
Haushaltsdefizit und Haushaltssicherung: Was kann von freien Leistungen bleiben, was muss gekürzt werden und was wegfallen? Wie geht es aus den Schulden?
Sehnde-News: In der zweiten Ihrer Fragen geht es um den Haushalt und seine Sicherung. Was muss auf den Prüfstand, was kann bleiben?
Dr. Schinze-Gerber: Die Zahlen lassen keinen Spielraum für Beschönigungen. Die aktuelle Finanzplanung weist für Ende 2026 rund 79 Millionen Euro Schulden aus, für 2027 rund 111 Millionen und für 2030 rund 187 Millionen Euro. 2015 lag der Schuldenstand des Kernhaushalts noch bei rund 3,6 Millionen Euro. Das ist eine Entwicklung, die wir stoppen müssen.
Dabei halte ich wenig von der klassischen Methode: überall ein paar Prozent streichen und hoffen, dass es reicht. Das trifft oft gerade die kleinen Zuschüsse für Vereine, Jugend, Sport oder Kultur. Dort spart die Stadt wenig Geld und richtet gleichzeitig viel Schaden an. Diese Leistungen möchte ich grundsätzlich erhalten, wenn sie nachweisbar genutzt werden und einen hohen Wert für das Zusammenleben haben.
Kürzen oder streichen müssen wir zuerst dort, wo der Nutzen gering, der Standard zu hoch oder die Aufgabe nicht zwingend ist. Neue freiwillige Daueraufgaben gibt es für mich nur noch mit einer klaren Finanzierung. Projekte ohne gesicherte Finanzierung und ohne belastbare Folgekostenrechnung dürfen nicht einfach weiterlaufen. Externe Beratungsleistungen gehören auf den Prüfstand, wenn das Wissen in der Verwaltung vorhanden ist. Bei Bauprojekten müssen wir Standards reduzieren, wenn eine funktionale Lösung ihren Zweck genauso erfüllt. Und wir müssen uns auch von Vorhaben trennen, die einmal beschlossen wurden, sich inzwischen aber als unwirtschaftlich erweisen. Das Fahrradparkhaus war dafür ein konkretes Beispiel.
Als Bürgermeister möchte ich dem Rat dazu eine systematische Aufgabenkritik vorlegen. Nicht nach dem Motto: Was kürzen wir um fünf Prozent? Sondern: Welche Aufgabe erfüllen wir? Was soll sie bewirken? Was kostet sie? Und erreicht sie ihr Ziel?
Dabei möchte ich mich an einer wirkungsorientierten Haushaltssteuerung orientieren. Für einzelne Aufgaben stehen im Kern drei Fragen: Was möchten wir erreichen? Was tun wir dafür? Was kostet es? Die Ergebnisse werden über mehrere Jahre mit Kennzahlen verfolgt. Ein Haushaltsansatz steht nicht mehr einfach deshalb im nächsten Haushalt, weil er schon im letzten enthalten war. Jede größere Leistung muss sich erklären lassen.
Bei der Grünpflege lautet die Frage dann nicht nur: Wie viel Geld geben wir aus? Sondern: Welchen Pflegestandard beschließt der Rat, welche Flächen gehören dazu und welche Kosten entstehen? Bei der Jugendarbeit: Welche Jugendlichen erreichen wir mit welchem Angebot und zu welchen Kosten? Bei einem Bauprojekt: Welches Problem lösen wir, welche günstigeren Varianten gibt es und welche Kosten entstehen in 20 oder 30 Jahren für Zinsen, Energie, Reinigung, Personal und Unterhaltung?
Das schafft auch politische Klarheit. Der Rat entscheidet, welche Leistungen und Standards er für Sehnde haben möchte. Die Verwaltung liefert dafür Zahlen, Varianten und Folgen. Genau das muss ein Bürgermeister organisieren.
Auch beim Personal möchte ich genauer hinsehen. Ich bin gegen pauschalen Stellenabbau. Eine Stadt mit fast 25.000 Einwohnern braucht eine leistungsfähige Verwaltung. Aber jede neue und jede dauerhaft frei werdende Stelle muss geprüft werden: Brauchen wir diese Aufgabe noch in dieser Form? Kann ein digitaler Prozess Arbeit sparen? Können Fachbereiche Aufgaben zusammenlegen? Ist eigene Leistung günstiger als externe Vergabe oder umgekehrt? Die Antwort darf nicht automatisch eine zusätzliche Stelle sein.
Auf der Einnahmeseite möchte ich nicht die Steuern erhöhen. Sehnde braucht vor allem mehr wirtschaftliche Stärke. Dazu gehören gezielte Gewerbeansiedlungen mit hoher Wertschöpfung, die Entwicklung von Wohnraum und eine aktive Nutzung brachliegender Flächen. Auch die Grundsteuer C kann dabei ein Instrument sein, damit baureife Grundstücke nicht jahrelang ungenutzt bleiben.
Fördermittel müssen zudem von Beginn an Teil einer Projektplanung sein und nicht erst gesucht werden, wenn ein Projekt praktisch fertig geplant ist.
Aus den Schulden kommen wir nicht in einer Wahlperiode. Das verspreche ich auch nicht. Mein Ziel ist ein klarer Kurs: Das jährliche strukturelle Defizit Schritt für Schritt senken, den Anstieg der Verschuldung bremsen und einen Zeitpunkt erreichen, ab dem die Stadt wieder mehr Kredite tilgt als neu aufnimmt.
Der Rat beschließt den Haushalt. Als Bürgermeister möchte ich ihm dafür einen Entwurf vorlegen, bei dem nicht nur steht, wofür Geld ausgegeben wird. Es muss auch erkennbar sein, was wir mit diesem Geld erreichen. Nur dann können Rat und Öffentlichkeit entscheiden, was Sehnde sich leisten muss, was wir uns leisten können und worauf wir verzichten wollen.
Wie viele neuen Gewerbe-/Industriegebiete brauchen wir und wo?
Sehnde-News: Zu laufenden und neuen Einnahmen gehören auch Einnahmen. Die kommen hauptsächlich über ansässige Firmen. Wie viele neue Gewerbe- und Industriegebiete braucht Sehnde?
Dr. Schinze-Gerber: Sehnde benötigt eine gezielte Gewerbeentwicklung mit guten Arbeitsplatzen, verlässlichen Gewerbesteuereinnahmen und möglichst hoher Wertschöpfung auf möglichst wenig Fläche. Dafür möchte ich zuerst vorhandene und bereits planungsrechtlich gesicherte Flächen nutzen, bestehende Unternehmen bei Erweiterungen unterstützen und neue Flächen nur dann entwickeln, wenn dafür ein konkreter Bedarf besteht.
Der erste Schritt ist eine saubere Bestandsaufnahme: Welche Gewerbeflächen sind tatsächlich noch verfügbar? Welche Grundstücke liegen brach oder werden nicht genutzt? Welche Sehnder Unternehmen brauchen in den nächsten Jahren Erweiterungsflächen? Wo lassen sich bestehende Standorte besser ausnutzen?
Wer seit Jahren Arbeitsplätze schafft und Gewerbesteuer zahlt, muss bei Erweiterungen ebenso verlässlich begleitet werden wie ein neuer Investor. Gute Wirtschaftsförderung beginnt bei den Unternehmen, die schon hier sind.
Bei neuen Ansiedlungen kommt es auf die Qualität an. Interessant sind für mich vor allem mittelständische Unternehmen, Handwerk, neue Technologien, Forschung und Entwicklung sowie Betriebe mit qualifizierten Arbeitsplätzen. Großflächige Logistik sehe ich kritisch. Sie verbraucht viel Fläche, erzeugt zusätzlichen (Schwerlast-)Verkehr und schafft gemessen am Flächenverbrauch oft nur wenige Arbeitsplatze.
Höver-Nord steht für mich deshalb nicht am Anfang dieser Diskussion. Wenn dort überhaupt eine weitere gewerbliche Entwicklung erfolgt, sehe ich nur den Bereich unmittelbar an der B 65 im Vordergrund, für den bereits Planungsrecht besteht.
Auch die Verwaltung muss wirtschaftsfreundlicher arbeiten. Unternehmen benötigen einen festen Ansprechpartner, klare Zuständigkeiten und schnelle Aussagen. Wer erweitern oder investieren möchte, darf nicht monatelang zwischen verschiedenen Stellen hängen. Der Bürgermeister kann hier viel bewegen, indem er Verfahren bündelt und die Wirtschaftsforderung aktiv steuert.
Die Entscheidung über neue Gewerbeflachen trifft der Rat. Als Bürgermeister möchte ich dafür belastbare Grundlagen vorlegen: tatsachlicher Bedarf, vorhandene Flächen, Erschließungskosten, Verkehr, Arbeitsplätze und erwartete Einnahmen. Mein Grundsatz ist klar: vorhandene Flächen besser nutzen, bestehende Unternehmen stärken und neue Flächen nur bedarfsgerecht entwickeln. Qualität vor Flache.
Wie soll es mit der Neuen Mitte weitergehen?
Sehnde-News: Ein weiterer Punkt in Ihrer Arbeit wir die Neue Mitte sein. Vieles ist bereits gekippt. Wie soll es weiter gehen?
Dr. Schinze-Gerber: Die Neue Mitte bleibt für mich eines der wichtigsten Stadtentwicklungsprojekte der kommenden Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte. Ich möchte sie neu ordnen, auf eine realistische Grundlage stellen und gemeinsam mit dem Rat und den Bürgern weiterentwickeln. Im Mittelpunkt stehen Wohnen, Gastronomie, Dienstleistungen und Gewerbe sowie grüne Flächen und Aufenthaltsqualität. Der Rathausneubau gehört davon getrennt betrachtet. So gewinnen wir für die Innenstadt wieder Handlungsspielraum.
Die Ausgangslage hat sich verändert. Der geplante Grundstückstausch mit Edeka ist gescheitert, damit ist auch der damalige Rathausstandort vom Tisch. Das Fahrradparkhaus in der vorgesehenen Form hat der Rat gestoppt. Deshalb ergibt es keinen Sinn, das alte Konzept Stück für Stück weiterzubauen, als wäre nichts passiert.
Mein erster Schritt ist eine neue Bestandsaufnahme. Welche Flächen stehen tatsächlich zur Verfügung? Welche Eigentümer sind bereit, sich an einer Entwicklung zu beteiligen? Welche Nutzungen fehlen heute in der Innenstadt? Wo besteht Nachfrage nach Wohnungen, Geschäften, Gastronomie oder Dienstleistungen? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, kann aus einzelnen Ideen wieder ein schlüssiges Gesamtkonzept entstehen.
Wohnen spielt dabei eine zentrale Rolle. Mehr Menschen in der Innenstadt bedeuten mehr Leben und mehr Kaufkraft. Ich sehe dort Chancen für unterschiedliche Wohnformen: kleinere Wohnungen, barrierearmes Wohnen, Wohnungen für Familien und Angebote für ältere Menschen. Gerade die Verbindung von Wohnen, Einkaufen und kurzen Wegen kann die Mitte stärken.
Auch beim Einzelhandel müssen wir realistischer und aktiver werden. Die Stadt kann keine Geschäfte verordnen. Sie kann aber attraktive Flächen schaffen, Investoren zusammenbringen, Verfahren beschleunigen und die Wirtschaftsförderung gezielt auf die Innenstadt ausrichten.
Ein weiterer Schwerpunkt ist der öffentliche Raum. Plätze, Wege, Grünflächen und Aufenthaltsbereiche müssen so gestaltet sein, dass Menschen sich dort gern aufhalten. Gleichzeitig muss die Innenstadt erreichbar bleiben. Fußgänger, Radfahrer, Busse und Autos gehören für mich zusammen. Gerade aus den Ortsteilen kommen viele Menschen weiterhin mit dem Auto in die Kernstadt.
Bei der Beteiligung möchte ich einen anderen Weg gehen. Bereits 2023 haben wir mehr echte Bürgerbeteiligung gefordert. Bei einem Projekt dieser Größenordnung reicht es nicht, wenn sich am Ende nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung einbringt. Deshalb möchte ich analoge Veranstaltungen mit digitaler Beteiligung verbinden. Bürger können dann Varianten ansehen, Hinweise geben, Prioritäten setzen und konkrete Vorschläge einbringen, unabhängig davon, ob sie an einem bestimmten Abend im Rathaus sein können.
Auch die Finanzierung muss von Anfang an klar sein. Wohnungen, Geschäfte und Gastronomie entstehen in erster Linie durch private Investoren. Die Stadt konzentriert sich auf Straßen, Plätze, Grün und andere öffentliche Infrastruktur. Fördermittel gehören früh in die Planung. Eine Neue Mitte, die im Kern über neue Schulden finanziert wird, passt nicht zu unserer Haushaltslage.
Der Rat entscheidet am Ende über die weitere Planung. Als Bürgermeister möchte ich ihm dafür ein belastbares Konzept vorlegen: mit Varianten, Kosten, Zeitplan, Ergebnissen der Bürgerbeteiligung und klaren Zuständigkeiten. Mein Ziel ist keine Neue Mitte auf dem Papier. Dort sollen Menschen wohnen, einkaufen, essen, sich treffen und gern Zeit verbringen. Genau daran muss sich die weitere Planung messen lassen.
Welche neuen Jugendangebote sollten entstehen?
Sehnde-News: Ihre letzte ausgesuchte Frage befasst sich mit den Jugendangeboten für Sehnde. Auch die Jugend möchte sich in Sehnde wohlfühlen. Was wollen Sie für sie erreichen?
Dr. Schinze-Gerber: Sehnde muss bei den Jugendangeboten erfreulicherweise nicht bei null anfangen. Wir haben den Kinder- und Jugendtreff, Ferienpassangebote, den Kinder- und Jugendbeirat, Spiel- und Bolzplätze und viele Angebote unserer Vereine. Jetzt kommt es darauf an, diese Strukturen zu stärken, den vom Rat beschlossenen Spiel-, Bolz- und Sportplatz an der Chausseestraße umzusetzen und gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen zu klären, was darüber hinaus fehlt. Für mich gilt dabei ein einfacher Grundsatz: Wer Angebote für Kinder und Jugendliche plant, darf das nicht rein aus Erwachsenenperspektive betrachten. Junge Sehnderinnen und Sehnder wissen selbst am besten, was sie nutzen und was nicht.
Der Spiel-, Bolz- und Sportplatz an der Chausseestraße ist dabei ein wichtiger Baustein. Der Rat hat die Umsetzung beschlossen. Geplant ist ein öffentlich zugängliches Angebot gerade auch für ältere Kinder und Jugendliche, unter anderem mit Multisportfläche und weiteren Bewegungsangeboten.
Auch sonst ist bereits einiges vorhanden. Im Stadtgebiet gibt es rund 50 Spiel- und Bolzplätze. Der Kinder- und Jugendtreff bietet über das Jahr Aktionen, Ferienangebote und Fahrten an. Der Ferienpass erreicht Kinder und Jugendliche in den schulfreien Zeiten. Mit dem Kinder- und Jugendbeirat gibt es zudem ein festes Gremium, das ihre Interessen in die Kommunalpolitik einbringen kann.
Darauf möchte ich aufbauen. Sehnde hat 15 Ortsteile. Deshalb reicht es nicht, alle Angebote in der Kernstadt zu konzentrieren. Gerade Jugendliche in kleineren Ortsteilen brauchen Treffpunkte und Aktivitäten, die sie auch ohne Eltern-Taxi erreichen. Das können Vereinsräume, vorhandene Treffpunkte, mobile Angebote oder kleine Projekte im jeweiligen Ort sein. Meine bisherige Linie ist deshalb klar: dezentral denken, mobile Jugendarbeit stärken und neue Angebote dort schaffen, wo Jugendliche selbst einen Bedarf sehen.
Besonders wichtig sind mir Formate wie „Pimp Your Town“ oder „Pimp Your Heimat“. Dabei geht es nicht um eine unverbindliche Wunschliste. Kinder und Jugendliche entwickeln konkrete Vorschläge für ihre Schule, ihren Ortsteil oder die ganze Stadt. Politik und Verwaltung müssen anschließend offen sagen, was umgesetzt wird, was geprüft wird und was aus welchen Gründen nicht geht. So lernen junge Menschen auch, dass Beteiligung Folgen hat und Entscheidungen nachvollziehbar sein müssen.
Solche Formate möchte ich regelmäßig einsetzen, zum Beispiel gemeinsam mit der KGS. Denkbar sind Projekte zu Treffpunkten, Sportflächen, Schulwegen, Busverbindungen oder Aufenthaltsorten.
Das JugendFORUM der Stadt geht bereits in diese Richtung. Dort konnten Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahren ihre Ideen einbringen, die anschließend an die Politik weitergegeben wurden. Solche Angebote sollten kein Einzeltermin bleiben. Beteiligung funktioniert besser, wenn Jugendliche erleben: Wir wurden gefragt, wir haben eine Antwort bekommen und etwas ist daraus entstanden.
Am Ende entscheidet der Rat über neue Einrichtungen, Stellen und Haushaltsmittel. Als Bürgermeister möchte ich dafür sorgen, dass die Verwaltung nicht am Schreibtisch Angebote für Jugendliche erfindet. Erst fragen, dann planen, dann sauber umsetzen. Das gilt für einen Treffpunkt im Ortsteil genauso wie für den Spiel-, Bolz- und Sportplatz an der Chausseestraße.
Sehnde-News: Herr Dr. Schinze-Gerber, wir danken Ihnen für Ihre Antworten.
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