Grenzerfahrungen am Rande des Krieges: ein Bericht über Iltens Hilfsgütertransport

Grenzerfahrungen am Rande des Krieges: ein Bericht über Iltens Hilfsgütertransport

Rund fünf Tonnen Waren haben Anfang März in Ilten viele Bürger auf den Aufruf der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde hin für die ukrainische Flüchtlingshilfe gespendet. Die Übergabe der Lieferung erfolgte eine Woche später in Lublin (Polen), nahe der ukrainischen Grenze. So weit, so gut?

Bei weitem nicht. Für die Helfer, die den Transport mit sechs Fahrzeugen ausführten, ist die Tour wohl noch lange nicht vorbei. „Ich träume jede Nacht davon“, berichtet Tage nach seiner Rückkehr einer der Mitfahrer. Das Erlebte wühlt auf, selbst die Zuhörer zuhause in Ilten.

Der Beginn

Sie ist überwältigend, die Menge an Lebensmitteln, Drogerieartikeln und medizinischem Material, die sich am Ende des Aktionswochenendes im kirchlichen Gemeindehaus in Ilten stapelt. Der Organisator der Tour, Peter Schiermann aus Isernhagen, den der Kirchenvorstand mit der Sammlung unterstützt, bedankt sich später nicht nur für die außerordentliche Spendenbereitschaft. Er lobt auch die vielen Freiwilligen, die die Vielzahl und Vielfalt der Einzelspenden sortieren und einpacken. Obwohl Barspenden ausgeschlossen waren, werden den Organisatoren auch einige Scheine zugesteckt.

Die rund 2.000 Euro gehen letztlich als Benzingeld für die 2.000 Kilometer lange Hin- und Rückfahrt drauf. Treibstoff ist extrem teuer in diesen Tagen, und die Helfer sind heilfroh, dass sie diese Sorge los sind.

Berührende Erlebnisse

Für die Fahrer und Begleitpersonen, zusammen zwölf Männer und zwei Frauen, wird die Tour zur Grenzerfahrung. Nicht nur, dass sie nach durchfahrener Nacht am Ziel im ostpolnischen Lublin sind, sondern dort auch die Waren aus ihren Transportern selbst teils bei der jüdischen Gemeinde einlagern, teils direkt auf ukrainische PKW umladen. Die pendeln nahezu unentwegt zwischen Polen und der ukrainischen Front hin- und her, wo die Lebensmittel und medizinischen Artikel dringend benötigt werden. Diese ersten 24 Stunden fast ohne Schlaf werden wett gemacht durch die berührenden Erlebnisse von großer Dankbarkeit der Menschen, Ukrainer wie Polen, für die gespendeten Hilfsgüter.

Ein Organisator der jüdischen Gemeinde weiß zu berichten, dass bis dahin kaum Material der großen Hilfsorganisationen angekommen sei. Das gehe palettenweise vor allem in die zentralen Auffanglager. In Lublin und anderen grenznahen Städten, wo die ukrainischen Flüchtlinge sicheres EU-Gebiet erreichen und erstversorgt werden müssen, seien daher diese privat organisierten Hilfslieferungen eine wertvolle Unterstützung. Die Not der geflohenen Menschen in Lublin zu erleben, geht den deutschen Helfern schon an die Nieren. So nah wie hier ist wohl keiner von ihnen bisher dem Krieg gekommen. Nach einer Mütze voll Schlaf treffen sie einige der Ukrainer, die ihnen von Kontaktpersonen zur Rückfahrt nach Deutschland vermittelt wurden.

Der Saal der Iltener Kirchengemeinde war ein Wochenende lang Sortier- und Verteilzentrum von rund fünf Tonnen Sachspenden für ukrainische Flüchtlinge in Polen – Foto: KG Ilten

Auch die weiteren Sitzplätze in den Transportern sollen nicht leer bleiben. So entschließt sich das Helferteam zu einem Umweg über Warschau-Hauptbahnhof, wo unzählige Flüchtlinge gestrandet sind, die eine Fahrgelegenheit Richtung sicherem Westen suchen.

Private Hilfe ist enorm wichtig

Der Bahnhof ist völlig überlaufen. Polnische Polizisten versuchen mit zweifelhaftem Erfolg, Ordnung ins Chaos zu bringen. Sie wissen um die Gefahr besonders für junge Frauen, in den Fängen von Schlepperbanden und Menschenhändlern zu landen. Die Helfer aus Ilten und Isernhagen werden von der polnischen Polizei genau unter die Lupe genommen, Personaldaten der Deutschen und der Ukrainer registriert, inklusive der Zielorte, bevor die Rückfahrt Richtung Hannover startet. Endlich, am Sonnabend kurz vor Mitternacht, hat diese Ukraine-Hilfsaktion nach fast 60 Stunden ihr gutes Ende gefunden.

Das Fazit der Helfer, unter ihnen auch das Iltener Gemeindemitglied Daniel Zilch: „Diese privat organisierte Hilfe ist enorm wichtig. Sie ergänzt, gut vorbereitet und mit den Empfängern in Polen abgestimmt, die vielfältige, aber anonyme Unterstützung mit Geldspenden an die großen Hilfsorganisationen. Auch deren Engagement ist unverzichtbar, kann aber die oft lebensnotwendige Vor-Ort-Hilfe für die geflohenen Ukrainer und ihre polnischen Ersthelfer nicht ersetzen.“

Wie plant die Gemeinde?

Ob es noch einmal eine ähnliche Spendenaktion geben wird? Der Aufwand für die ehrenamtlichen, privaten Helferinnen und Helfer ist groß, aber er lohnt sich angesichts der zunehmenden Flüchtlingswelle. Der Iltener Kirchenvorstand wird diese Erfahrungen in seine Planungen zur Ukraine-Hilfe mit einbeziehen. Sievert Herms/JPH

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