Symposium des Pflegenetzwerks psychiatrischer Intensivstationen Niedersachsen

Symposium des Pflegenetzwerks psychiatrischer Intensivstationen Niedersachsen
Die Gründungsmitglieder des Pflegenetzwerks freuen sich über weitere Kollegen in der Netzwerkarbeit - Foto: Wahrendorff/Helge Krückeberg
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Unter dem Motto „Zukunft der psychiatrischen Intensivpflege gemeinsam gestalten“ trafen sich am 12. November rund 180 Fachkräfte aus Pflege, Medizin, Justiz, Polizei, Politik und Rettungsdienst in Sehnde. Das Pflegenetzwerk psychiatrischer Intensivstationen Niedersachsen (PPIN) lud ein, Gastgeber war das Wahrendorff Klinikum Köthenwald. Cordula Schweiger, Pflegedirektorin des Hauses, und Vanessa Strecker, pflegerische Gruppenleitung von der Medizinischen Hochschule Hannover, führten durch die Veranstaltung.

Nähe, Vernetzung und Verantwortung

Vorträge und Workshops behandelten Gewaltprävention, ethische Fragen, Sprache in der psychiatrischen Versorgung und die Rolle von Pflegeexpertinnen – und experten. Doch die zentrale Frage klärte sich in der Podiumsdiskussion: Wie schaffen wir eine sichere, menschenwürdige und zukunftsfähige psychiatrische Intensivversorgung? Schweiger fasste den Anspruch des Netzwerks früh zusammen: „Nur durch Austausch und Vernetzung können wir die psychiatrische Intensivpflege in Niedersachsen langfristig verbessern.“

Versorgungslücken rückten in den Fokus

Die Podiumsdiskussion zeigte, wie stark die psychiatrische Intensivpflege an den Schnittstellen von Versorgung, Haltung und Strukturen herausgefordert ist. Im Mittelpunkt stand die Frage nach ausreichenden Ressourcen und dem notwendigen direkten Kontakt zu den Patienten. Tobias Urbanczyk, Pflegedienstleiter der Universität Göttingen, brachte das Kernproblem auf den Punkt: „Wie sichern wir die Anwesenheit an Wochenenden und Feiertagen? Welche Berufsgruppen sind dann vor Ort, und haben sie direkten Kontakt zu den Patienten?“ Seine Frage nach einem flächendeckenden Patientenkontakt machte deutlich, wie zentral dieser unmittelbare Bezug für eine belastbare Versorgung ist.

Versorgungslücken rückten parallel in den Fokus. Richterin Annette Loer vom Amtsgericht Hannover betonte, dass man ambulante Angebote stärken müsse, um unnötige Verläufe zu verhindern: „Langlieger haben auf Intensivstationen nichts verloren. Wo finden sie eine passende stationäre Weiterbehandlung?“ Auch Anna Seiler, Stationsleiterin der Psychiatrischen Intensivbetreuung im Wahrendorff Klinikum, hob die besondere Komplexität dieser Patientengruppe hervor.

Sprache als zentrales Werkzeug der psychiatrischen Intensivstationen

Professor Michael Schulz vom LWL-Klinikum Gütersloh, Autor von Sprache in der Psychiatrie, machte zudem deutlich, wie stark gesellschaftliche Entwicklungen die Intensivstationen prägen. Er wies darauf hin, dass der Druck auf die Einrichtungen wächst und neue Antworten nötig sind: „Die Gesellschaft verändert sich und damit auch die Landschaft der psychiatrischen Versorgung. Eine besorgniserregende Entwicklung stellt hier die Zunahme an Menschen dar, die in der Forensik untergebracht werden.“

Psychiatrische Pflege findet im Sozialraum statt

Podiumsteilnehmer des ersten PPIN-Symposiums diskutierten zentrale Themen der psychiatrischen Intensivpflege: Elke Duch-scherer, Andreas Landmann, Annette Loer, Konrad Krüger, Prof. Michael Schulz, Anna Seiler und Tobias Urbanczyk (v.li.) – Foto: Wahrendorff

Die Frage, wie sich Intensivpflege künftig vermeiden oder verringern lässt, führte zurück zu grundlegenden Überzeugungen. Urbanczyk hob die Bedeutung von Initiative und Austausch hervor: „Wir müssen aktiv auf Patienten zugehen, evidenzbasiert arbeiten und die Kommunikation verbessern.“ Andreas Landmann, Vorsitzender der Besuchsregion Hannover, sieht den Schlüssel im Sozialraum: „Psychiatrische Pflege findet im Sozialraum statt. Ohne Angehörige und Betroffene geht es nicht.“ Ambulante und stationäre Angebote müssten enger zusammenarbeiten, um Psychiatrie wirklich neu zu denken.

Im letzten Teil der Diskussion ging es darum, wie eine offenere und stärker gemeindepsychiatrisch ausgerichtete Intensivpflege gestaltet werden könnte. Loer fand deutlich Worte: „Zwang ist eine Notlösung und ein Armutszeugnis. Wir brauchen Alternativen.“ Sie forderte eine kontinuierliche sozialpsychiatrische Begleitung und die Anerkennung von Selbstbestimmung. Gleichzeitig betonte sie die Verantwortung, besonders jene im Blick zu behalten, „die durchs Netz fallen. “

Im Mittelpunkt stand die Rolle der Genesungsbegleiter. Professor Schulz betonte die Aufgabe und die Bedeutung der Zusammenarbeit: „Genesungsbegleiter dürfen nicht gegen die Teams arbeiten. Ihre Aufgabe muss klar definiert sein.“

Professionelle Nähe emotionaler Kern der Diskussion

Ein besonders eindrucksvoller Beitrag kam von Elke Duchscherer, die als Genesungsbegleiterin an der KRH Psychiatrie Wunstorf Patienten mit ihrer Peer-Arbeit unterstützt. Sie sagte: „Wir holen Patienten mit unserer Erfahrung ab. Wir zeigen, wie man Krisen überwindet, weil wir es selbst erlebt haben.“ Auf die übliche Forderung nach professioneller Distanz antwortete sie: „Ich möchte professionelle Nähe leben.“ Dieser Satz wurde zum emotionalen Kern der Diskussion und zeigte: Psychiatrische Intensivpflege entfaltet ihre Wirkung vor allem dort, wo Nähe, Vertrauen und persönliche Beziehungen gezielt als professionelles Werkzeug genutzt werden.

Zusammenfassung der Ergebnisse

Das Symposium machte deutlich: Zukunftsfähige psychiatrische Intensivpflege wächst nicht allein in der Klinik. Sie entsteht im Zusammenspiel von stationärer und ambulanter Versorgung, von Fachkräften, Angehörigen, Gemeindepsychiatrie und Peers. Professionelle Nähe – geprägt von Haltung, klaren Strukturen und guter Vernetzung – ist der Schlüssel.

Das PPIN ruft Fachkräfte aller Berufsgruppen auf, das Netzwerk beitragsfrei zu stärken.

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