Wenn Gedanken auf Reise gehen: AWO startet VR-Brillen-Projekt für Senioren

Wenn Gedanken auf Reise gehen: AWO startet VR-Brillen-Projekt für Senioren
Ann-Christin Ullrich und Maximilian Eifert (v.li.) von Wemento waren mit den VR-Brillen in der AWO Residenz Sehnde – Foto: Christian Degener
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Einmal zurück an die Ostsee. Über die Kreidefelsen von Rügen blicken, das Meer sehen, vielleicht den Wind fast wieder spüren. Oder noch weiter weg: unter Wasser mit Delfinen schwimmen, zwischen Korallen und Lichtreflexen. Für viele ältere Menschen in stationären Pflegeeinrichtungen sind solche Reisen im Alltag kaum noch möglich. In der AWO Residenz Sehnde und dem AWO ServiceHaus Bolzum der AWO Jugend- und Sozialdienste sollen solche Erlebnisse nun trotzdem wieder näher rücken – mit Hilfe von Virtual Reality.

Mit Brille auf Reisen

Unter dem Titel „Wenn Gedanken auf Reise gehen“ ist jüngst ein neues Präventionsprojekt gestartet, das Bewohnern virtuelle Reiseerlebnisse ermöglicht und diese mit biografischer Erinnerungsarbeit verbindet. Gefördert wird das einjährige Projekt von der Techniker Krankenkasse. Umgesetzt wird es gemeinsam mit dem Anbieter Firma Wemento.

Beim Auftakt in der AWO Residenz Sehnde zeigte sich schnell, dass neue Technik keine Hemmschwelle sein muss. Die VR-Brillen wurden neugierig betrachtet, aufgesetzt – und dann ging es los. Während einige Bewohner virtuell an die deutsche Küste reisten, tauchten andere in ferne Landschaften ein oder erlebten eine Unterwasserwelt mit Delfinen. Die Reaktionen waren unmittelbar: Lächeln, Staunen, erste Gespräche. „Das war schön“, sagte eine Bewohnerin nach ihrer virtuellen Reise. Andere erzählten direkt von eigenen Urlaubserinnerungen, von früheren Fahrten ans Meer oder von Orten, die sie lange nicht mehr gesehen hatten. „Genau diese Reaktionen wünschen wir uns“, sagte Ann-Christin Ullrich, Präventionsberaterin bei der Wemento, die den Auftakt gemeinsam mit ihrem Kollegen Maximilian Eifert begleitete. „Es geht darum, Erlebnisse zu schaffen, die etwas auslösen: Freude, Erinnerungen, Gespräche und manchmal auch den Wunsch, von früher zu erzählen.“

Nach der Reise geht es weiter

Die virtuelle Reise ist dabei nur der erste Schritt. Im Anschluss werden die Eindrücke aufgegriffen: Was wurde gesehen? Woran erinnert der Ort? Gab es früher eigene Reisen ans Meer, in die Berge oder in andere Länder? Wer war dabei? Welche Bilder, Geräusche oder Gefühle tauchen wieder auf? Auf diese Weise verbindet das Projekt moderne Technik mit biografischer Erinnerungsarbeit, der sogenannten Reminiszenzarbeit. „Reisen ist für viele Menschen mit sehr positiven Gefühlen verbunden“, erklärte Ullrich. „Mit der VR-Brille können wir diese Eindrücke in die Einrichtung holen und anschließend gemeinsam daran anknüpfen.“ Besonders wichtig sei dabei der Austausch in der Gruppe im Anschluss.

Leicht zu handhaben

Einfach die Brille auf – und ab mit dem Rollstuhl in den Urlaub: eine vollkommen neue Erfahrung für die Bewohner – Foto: Christian Degener

Auch Maximilian Eifert unterstützte die Bewohner beim Ausprobieren der Brillen, erklärte die Handhabung und achtete darauf, dass sich alle sicher fühlten. Die Technik wurde dabei bewusst niedrigschwellig eingesetzt. Wer zunächst zögerte, konnte erst einmal zuschauen. Wer neugierig war, durfte direkt starten. Schon nach kurzer Zeit war zu beobachten, wie die Teilnehmer einander von ihren Eindrücken berichteten. Für Vitali Brozmann, Einrichtungsleiter der AWO Residenz Sehnde, war der Auftakt ein ermutigendes Signal. „Unser Ziel war es, das Angebot für unsere Bewohnerinnen und Bewohner noch einmal zu erweitern und ihnen mehr Erlebnisse zu ermöglichen“, sagte Brozmann. „Wir möchten, dass sie mehr erleben, Freude haben und miteinander ins Gespräch kommen.“

Angebot erweitert

Vor dem ersten Termin sei noch offen gewesen, wie das Angebot angenommen werde. „Vor dem Termin war ich gespannt, wie groß das Interesse sein würde und wie gut das Angebot ankommt“, sagte Brozmann. „Nach dem, was wir gesehen haben, verspricht uns das sehr viel.“ Die ersten Eindrücke hätten gezeigt, dass sich mit dem Projekt in kurzer Zeit viel bewegen lasse.

Brozmann sieht in dem Projekt vor allem eine Erweiterung des Alltagsangebotes in der Einrichtung. „Es geht darum, unseren Bewohnerinnen und Bewohnern zusätzliche Möglichkeiten zu geben“, sagte er. „Sie sollen etwas erleben können, das Freude macht und gleichzeitig Gespräche anregt. Wenn daraus mehr Austausch entsteht, ist das für das Leben in der Einrichtung sehr wertvoll.“ Alina Zerbe, stellvertretende Fachbereichsleitung Pflege und Wohnen im Alter bei der AWO Jugend- und Sozialdienste, ordnet das Projekt ebenfalls als wichtigen Baustein für Teilhabe und Wohlbefinden ein. „Für uns ist entscheidend, dass die Bewohnerinnen und Bewohner nicht nur versorgt werden, sondern ihren Alltag als lebendig und anregend erleben“, sagte Zerbe. „Das Projekt schafft dafür neue Impulse.“ Gerade in der Pflege sei es wichtig, Angebote zu schaffen, die an die Lebensgeschichte der Menschen anknüpfen. Er betonte, dass digitale Technik in diesem Zusammenhang kein Selbstzweck sei. „Die VR-Brille ersetzt keine persönliche Zuwendung“, sagte sie. „Aber sie kann ein Türöffner sein. Sie kann Erinnerungen anstoßen, Neugier wecken und Gespräche ermöglichen.“

Positiver Start

Die ersten Reaktionen der Bewohner hätten gezeigt, wie niedrig die Schwelle sein könne, wenn die Technik gut begleitet werde. „Viele Seniorinnen und Senioren sind offener für neue Technik, als man manchmal vermutet“, sagte Zerbe. „Beim Auftakt war sehr schön zu sehen, dass die Bewohnerinnen und Bewohner neugierig waren und sich auf das Erlebnis eingelassen haben.“

Für die Mitarbeizter der AWO Residenz ist die virtuelle Urlaubsreise eine interessante Möglichkeit der Betreuungserweiterung – Foto: Christian Degener

Das Projekt „Wenn Gedanken auf Reise gehen“ richtet sich an pflegebedürftige Menschen in der stationären und teilstationären Pflege. Es nutzt virtuelle 360-Grad-Videos, um Reiseeindrücke erlebbar zu machen, und verbindet diese mit systematischer Erinnerungsarbeit. Neben den VR-Reiseerlebnissen gehören auch Reminiszenz-Gruppenangebote, Schulungen für Mitarbeiter und Angehörige sowie Begleitung und Beratung zur Umsetzung dazu. Damit soll das Projekt nicht nur einzelne besondere Momente schaffen, sondern nachhaltig in den Alltag der Einrichtungen hineinwirken. Mitarbeiter werden darin geschult, Erinnerungen aufzugreifen, Gespräche biografieorientiert zu begleiten und die Erfahrungen aus den virtuellen Reisen weiterzuführen. So können die Eindrücke aus der VR-Brille auch nach dem eigentlichen Termin weiterwirken – etwa in Gesprächsrunden, Einzelbegegnungen oder im Austausch mit Angehörigen.

Die Nachbearbeitung

Nach den virtuellen Reisen wurde nicht nur über die Technik gesprochen, sondern vor allem über das, was sie ausgelöst hatte. Über Orte, die vertraut waren. Über frühere Urlaube. Über das Meer. Über Tiere. Über Erlebnisse, die lange zurücklagen und plötzlich wieder präsent wurden.

Auch Marie-Claire Hogrefe, Leitung des Zentralen Qualitätsmanagements der AWO Jugend- und Sozialdienste sieht in dem Projekt großes Potenzial für die weitere Arbeit in den Einrichtungen. „Besonders wertvoll ist, dass wir auch Angehörige einbeziehen können“, sagte Hogrefe. „So können zum Beispiel frühere Urlaubsreisen gemeinsam mit den eigenen Kindern digital noch einmal erlebt werden.“ Während die Bewohner die VR-Brille tragen, können Mitarbeiter parallel auf einem Tablet sehen, wohin der Blick gerade fällt. „Dadurch lassen sich Gespräche sehr gut auf das lenken, was die Person in diesem Moment sieht“, erklärte Hogrefe. Die Informationen, die durch diese Form der Biografiearbeit entstehen, könnten auch über das einzelne Erlebnis hinaus wichtig werden. „Gerade bei Menschen mit Demenz können solche Erinnerungen, Gefühle und biografischen Hinweise eine große Hilfestellung im Alltag sein“, sagte Hogrefe. „Sie schaffen neue Möglichkeiten in der Beziehungsarbeit und können den Pflegealltag langfristig positiv beeinflussen.“ Praktisch sei zudem, dass die VR-Brille auch mit bestehenden Hilfsmitteln genutzt werden könne – etwa mit einer normalen Brille.

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