„Wir wollen, dass sich die Leute von Anfang an sicher fühlen“

20. November 2015 @

Seit 29. September stellt das Klinikum Wahrendorff als Erstunterkunft das Dorffgemeinschaftshaus (DoG) und das benachbarten Landarbeiterhaus für 114 Flüchtlinge zur Verfügung: „Der große Besuch“, so hieß die Aktion damals und nun läuft „die große Abreise“ vom Erstaufnahmebereich im Sehnder Ortsteil. Die Mehrzahl der Flüchtlinge wird dabei in Sehnde eine Bleibe finden, bis über ihren Asylantrag entschieden worden ist (SN berichteten). Heute kamen die nächsten zehn Personen im Rathaus an, erledigten die vielen Formalitäten und bezogen dann ihre Wohnung für die nächste Zeit. Wir waren dabei, als sie im Rathaus begrüßt wurden und in die Wohnung einzogen.

Die Familie Rohani kommt am Rathaus an - Foto: JPH

Die Familie Rohani kommt am Rathaus an – Foto: JPH

„Das Klinikum Wahrendorff bot dem Land Niedersachsen die Nutzung der Einrichtung zur Zwischenunterbringung von Flüchtlingen an und am 24. September bekamen wir dann den Anruf, dass am 29. September 100 Flüchtlinge in Köthenwald eintreffen würden“, schilderte Dr. Rainer Brase, Geschäftsführer am Klinikum, am Donnerstagmorgen die ersten Schritte als „Außenstelle der Landesaufnahmebehörde (LAB) in Braunschweig. „Da blieb uns nicht mehr viel Zeit, um die ganze Organisation auf die Beine zu stellen.“ Zunächst „verpflichtete“ die Geschäftsführung Lisa Buntefuss, die als Azubi im Klinikum arbeitete und als Rettungssanitäterin schon einmal eine solche Aufgabe bearbeitet hat. Dann wurde der Arbeite-Samariter-Bund ins Boot geholt und die Mitarbeiter des Klinikums meldeten sich in überwältigender Zahl für die Unterstützung. „Außerdem stellten wir einen Dolmetscher für Afghanisch ein, der bei der ISAF gearbeitet hatte und fließend Deutsch und Afghanisch spricht“, so Brase über den Anlauf des Projekts.

Bürgermeister Carl Jürgen Lehrke (re.) begrüßt das Familienoberhaupt - Foto: JPH

Bürgermeister Carl Jürgen Lehrke (re.) begrüßt das Familienoberhaupt – Foto: JPH

Dann wurde das DoG vorbereitet und das daneben stehende Landarbeiterhaus. Betten, Stühle, Essbereich, alles wurde von vielen Helfern vorbereitet und als dann am 29. September die Flüchtlinge in der „Großen Anreise“ ankamen, stelle die Organisationsleitung fest, dass sogar 144 Personen in den Bussen saßen. „Es lief die provisorische Ersterfassung mit einer Excel-Tabelle, ich untersuchte die Ankommenden und wir sorgten dann dafür, dass sie Ruhe bekamen“, erinnert sich Brase an die hektische Ankunft, die sich immer wieder um Stunden verzögert hatte.

Am nächsten Tag schon lief die Betreuung an, in die sich rund 150 Mitarbeiter des Klinikums einbringen: Ruhe herstellen, versorgen, bekleiden, Sprache vermitteln, Kinder betreuen, Fußball spielen, Verkehrserziehung, Pony reiten – aber auch ärztliche Versorgung waren angesagt. Dann die Absprache der Stadt Sehnde mit dem LAB und dem Klinikum. „Die Flüchtlinge bleiben mehrheitlich hier“, so Lehrke am Donnerstag. „Es wäre ja auch Unsinn, sie von hier nach Göttingen zu fahren, um dann welche aus Oldenburg zu bekommen.“ So sind bereits 47 Personen in Sehnde aufgenommen worden, 60 warten noch im DoG. „Bis zum Ende Januar wollen und müssen wir sie untergebracht haben“, erklärt Susann Thier, zuständig bei der Stadt für die Asylbewerber. „Dann läuft die aktuelle Quote aus und wir bekommen die neue zugeteilt.“ Ob das Klinikum dann erneut als „Außenstelle“ fungiert, wird laut Brase derzeit bewertet.

Mit Dolmetscher Suliman Khabor (li.) lösen "Vater" Rihani und seine Schwester (re.) ihre Schecks ein - Foto: JPH

Mit Dolmetscher Suliman Khabor (li.) lösen „Vater“ Rihani und seine Schwester (re.) ihre Schecks ein – Foto: JPH

Bereits bevor die Asylbewerber aus dem DoG auschecken wird seitens der Verwaltung in Sehnde viel gearbeitet und vorbereitet. „Wir mieten den Wohnraum an, prüfen die elektrische Anlage, bestellen die Möbel, richten die Wohnung ein“, so Thier. Dabei werden eine Küche aufgebaut, Waschmaschine und Kühlschrank gekauft, Betten besorgt, Tische und Stühle beschafft. „Dazu kommt der übliche Hausrat für die Küche, Sofa oder etwas ähnliches für die Räume. Danach legen wir mit dem LAB die Ankunft fest und achten dabei auch darauf, dass die Wohnungen bestmöglich ausgenutzt werden. Zudem achten wir auch auf Homogenität der Asylbewerbergruppe in größeren Einrichtungen, ihre Religion, den Familienstand und die Sprache“, skizziert Thier die Vorbereitung. „Und wir organisieren den ganzen Papierkram.“ Bürgermeister Carl Jürgen Lehrke ergänzt: „Wir wollen, dass sich die Leute von Anfang an sicher fühlen.“ Deshalb wird so viel wie möglich schon vorgearbeitet.

Dan steht die Familie vor der Unterkunft und bekommt den Schlüssel von Andreas Baumgart (2.v.re.) - Foto: SA

Dann steht die Familie vor der Unterkunft und bekommt den Schlüssel von Andreas Baumgart (2.v.re.) – Foto: SA

Und dann läuft alles so ab wie heute am Donnerstag. Die fünfköpfige Familie Rohani aus Aleppo in Syrien trifft ein und wird begrüßt. Dann geht es ins Bürgerbüro, wo der Papierkram unterschrieben wird – mit Hilfe eines Dolmetschers. Heute ist das Suliman Khabor aus Lehrte, der Kurdisch spricht und selbst vor wenigen Jahren nach Deutschland kam. So unterschreiben die Rohanis Sozialhilfeanträge, BUT-Unterlagen, EDV-Erfassungen, Leistungsabgleiche undbekommen dafür die S-Karte der Region, eine Ausländerbescheinigung, eine Tafel-Bescheinigung und die GEZ-Befreiung. Parallel gehen Infos an Ortsbürgermeister und Vermieter, wer in den Ort und die Wohnung kommt.

Mit ihren ersten zwei Schecks geht die Familie Rohani mit der städtischen Sozialarbeiterin Laura Höfken dann in die Sehnder Volksbank und holt ihr erstes Geld ab. Von da geht es zu Edeka, wo auf die Familie ein von Edeka Jacoby und VGH-Versicherungsbüro Weber gesponsertes „Willkommenspaket“ wartet. Damit ziehen sie dann wieder zum Rathaus, holen ihr Gepäck und es geht in die neue Unterkunft.

Die Wohnung entsprach dann aber nicht sofort den Erwartungen der familie - Foto: SA

Die Wohnung entsprach aber nicht sofort den Erwartungen der Familie – Foto: SA

Heute belegt die Stadt die neuen Wohnungen im ehemaligen Jugendfreizeitheim Am Stadion. Dort kommen die zwei Familien mit zehn Personen gemeinsam unter. Sie haben jeder ihren eigenen Wohnbereich mit Kühlschrank und Sanitärzelle, teilen sich eine Küche und eine Waschmaschine. Und daran entzündet sich dann der Unwille von „Vater“ Rohani. Damit hatte er nicht gerechnet, sich etwas teilen zu müssen. Es gibt eine längere Diskussion mit dem Dolmetscher und dann mit Andreas Baumgart von der Caritas, der die Wohnungsübergaben steuert. Das hatte er offensichtlich anders erwartet. Die erste Freude scheint dahin. „Das erlebe ich oft, wenn die Ankömmlinge dann in eine Wohnung gebracht werden“, so Baumgart. „Aber das gibt sich meistens später.“

Im frisch renovierten Haus muss noch einiges erledigt werden – die Lampen sind teilweise noch verpackt im Hausflur, eine nackte Glühbirne spendet Licht. Dann ist die Diskussion beendet, die Rohanis ziehen ein. Sie werden sich arrangieren müssen und vielleicht haben die Hinweise auf andere Gemeinschaftunterkünfte wie Container und Gemeinschaftsküchen ja geholfen. Die erste Nacht außerhalb einer Erstaufnahmeeinrichtung beginnt – man ist in Sehnde angekommen.

JPH/SA

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