Asse-Wasser schlägt hohe Wellen in Sehnde

22. Juli 2017 @

Das Sole-Wasser aus der Asse schlägt hohe Wellen – zumindest der Teil, der in die Kaligrube von K+S in Sehnde eingeleitet werden soll. Das bemerkten der Ortsrat Sehnde und der Fachausschuss Stadtentwicklung und Umwelt auf ihrer eingeschobenen Sitzung zu dem Thema am vergangenen Dienstag. Da reichten die Sitzplätze im Ratssaal für die etwa 150 Besucher nicht aus, denn das Thema mobilisiert offensichtlich viele Sehnder Bürger, die sich von der Lage selbst ein Bild machen wollten.

Auf den Ansturm von Bürgern war der Saal nicht vorbereitet – Foto: JPH

Und so konnte der Sehnder Bürgermeister Carl Jürgen Lehrke, der die gemeinsame Sitzung leitete, erst verspätet die Akteure und Besucher begrüßen. Gekommen waren neben dem Ortsrat mit neuen Mitgliedern auch der Ausschuss mit ebenfalls neun Mitgliedern sowie die Vertreter der Asse GMBH, der Technische Geschäftsführer Dipl.-Ing. Jens Köhler und der Teilbereichsleiter Baumangement Matthias Unger und Manuel Willmanns von der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE). Das brisante Thema  des Abends war die geplante Einleitung von Solewasser aus der Asse in den Schacht Friedrichshall/Bergmannssegen-Hugo in Sehnde (SN berichteten) . Zwar wird dort schon seit Jahren mit hochangereicherter Sole geflutet, doch hat die Verpressung von Asse-Sole in den Augen der Bürger durchaus eine andere Qualität.

Die Asse wurde als aufgelassenes Kalibergwerk ab 1967 mit 126 000 „Gebinden“ radioaktiver Abfälle verfüllt – damals unter der politischen Zusicherung, dass dies Verfahren in der Asse absolut sicher und der Salzstock stabil sei. Heute ist man dabei, die Gebinde, die bis 1978 dort eingebracht wurden, wieder zu bergen und sicherer zu lagern. Diese Einlagerung erfolgte in einer Tiefe von rund 750 Metern. Das Sole-Wasser, das aus dem Nebengebirge durch die Kalischichten dringt, wird dabei zu 90 Prozent in der Höhe von 658 Metern abgefangen und zwischengelagert. Die tägliche Menge liegt bei rund 11 700 Litern. Von da werden sie auf etwa 490 Meter heraufgepumpt und wieder gelagert.

Ein Teil dieser Wässer verbleibt in der Asse selbst, um dort für die Herstellung von Sorelbeton für die Firstspaltverfüllung verwendet zu werden, mehrheitlich aber gehen sie an ein Unternehmen zur Betonherstellung. Dazu wird, bevor das Wasser wieder ans Tageslicht kommt, dessen Unbedenklichkeit durch die Firma VKTA – Strahlenschutz, Analytik & Entsorgung Rossendorf e. V. als unabhängigem Betrieb, geprüft und bestätigt. Erst danach erreicht die Sole wieder das Tageslicht. Dort enthalte sie nicht mehr Tritium als von der Trinkwasserverordnung erlaubt, so Köhler, tatsächlich sei sie mit rund zwei bis fünf Becquerel (Trinkwasser/Mineralwasser bis 100 Becquerel) deutlich unter dem erlaubten Wert.

Die Belastung mit Tritium stellte Köhler an dieser Folie dar – Foto: JPH

Da mit dem Betonunternehmen ein grundsätzlicher Abnehmer der Sole verfügbar ist, so Köhler bei seinem Vortrag, suche das Unternehmen lediglich eine „Back-Up Lösung“. Da seien „mehrere in der Prüfung“ – so die primäre in Sachsen-Anhalt, und dazu neu die mögliche Einleitung in die Elbe bei Gorleben oder die direkte Verklappung in der Nordsee. Damit wäre Sehnde nur eine von drei neuen Varianten. Aber, so stellten die Zuhörer auch fest, die am weitesten fortgeschrittene. Denn die Einleitung könnte nach Bau eines Pumpenhauses zur Entladung am Fuße des Kaliberges im Frühjahr 2018 anlaufen. Der Vertrag mit K+S steht, es muss nur noch die Sondergenehmigung für die Einleitung eingeholt werden – und das Pumphäuschen gebaut werden. Dann kann die Anlieferung in verplombten Tankwagen anlaufen. Derzeit kämen jährlich maximal rund 4300 Kubikmeter Sole zusammen, wobei nach Angabe von Köhler der Betonhersteller bis zu 6000 Kubikmeter abnehmen kann. Doch sollte mal der weniger bis gar nichts mehr abnehmen, muss eine Alternative her. Und dafür sei Sehnde vorgesehen. Das „Häuschen“ solle den Anschluss der Asse-Tanker ermöglichen, um zu verhindern, dass Kontaminationsmaterial in den bis dahin gesicherten Kreislauf eingebracht werden könne.

Danach begann die Fragenrunden, bei denen viel nach atomarer Strahlung, Transportsicherheit und Wertverlusten von Grundstücken gefragt wurde. Dazu kamen Fragen nach dem Zeitplan und der Einflussmöglichkeit des Stadtrates in dem Sondergenehmigungsverfahren. Dabei stellte sich heraus, dass der Rat sich damit auf jeden Fall noch in diesem Jahr beschäftigen müsse, denn die Stellungnahme wird wohl bald eingefordert werden, wenn die Einleitung ab dem Frühjahr 2018 genehmigt werden soll.

„Bei der bislang einfließenden Sole würde der Kali-Anteil des Asse-Wassers rund 0,003 Prozent der Gesamtlösung im Bergwerk betragen“, so Köhler auf die Frage, ob die Asse-Sole nicht weiteres Salz anlösen würde in Sehnde. „Das wäre also kein nennenswerter Prozess.“ Auch auf die Frage, ob er die Sole für so unbedenklich hielte und sie trinken und darin baden würde, bejahte Köhler: „Baden wäre etwa so wie im Toten Meer, trinken allerdings sehr bitter und wegen des Salzes ungesund.“ Die Häufigkeit der Transporte gab Köhler mit „alle sechs Wochen zwei Laster für drei Tage“ an, wobei die Anfahrt wohl über bestehende Verkehrswege, also die B 443 und die Einfahrt am Klein Bolzumer Verbindungsweg erfolge.

Für alle interessierten Bürger gab es Druckschriften zur Asse zur Information und zum Mitnehmen – Foto: JPH

Eine Verklappung würde allerdings auch nur so lange greifen, bis die Sehnder Grube voll wäre. Ob und wie viel Wasser aus der Asse bis dahin einflössen und wann die Grube Bergmannssegen-Hugo voll ist, konnten jedoch weder die Gäste noch die Stadtverwaltung sagen. Eine Belastung mit Cäsium 137, wie sie Ortsratsmitglied Kurt Schwarzkopf ins Gespräch brachte, konnte Köhler weder bestätigen noch direkt verneinen – will die Erkenntnis jedoch nachliefern. Belastetes Wasser bliebe in jedem Fall in der Asse, so sähen es auch die gesetzlichen Vorgaben vor. Im Übrigen ist sowohl das niedersächsische Umweltministerium wie auch das BGE in den Entscheidungsprozess eingebunden und würden bei der Prüfung beteiligt. Technisch enthalte das Wasser neben dem Tritium rund 280 Gramm Natriumchlorid pro Liter laut Vollanalyse der Uni Clausthal. Krebsauffälligkeiten gäbe es nicht und der Rhein sei „hätte mit rund vier bis fünf Becquerel pro Liter deutlich mehr Tritum in seinem Wasser.

Die Sehnder Lösung, so betonten alle drei Beteiligten immer wieder, sei lediglich eine Redundanz zum bisherigen Verfahren. Zweifel blieben auch am Ende der Sitzung, doch boten die Betreiber der Asse den Sehnder ein verfahren an, dass aus Sicht der Beteiligten Transparenz herstellen könnte. So reiten sie den Anwesenden, eine Initiative zu gründen, um dann auf Kosten der Asse GmbH eine Analyse des Wassers jeden angelieferten Tankwagens durch ein unabhängiges Institut vornehmen zu lassen. Zudem sagte Bürgermeister Lehrke zu, die weiteren Schritte des Verfahrens und alle weiteren Informationen zu dem Thema öffentlich zu machen. Noch im Vorraum trafen sich daraufhin gleich die ersten  Sehnder Bürger und Bürgerinnen, darunter die ehemaligen Ortsbürgermeister Jürgen Falkenhagen und Regine Höft, zur Vorbereitung der Gründung einer entsprechenden Bürgerninitiative.

Abschließend lud Willmanns die Bürger und Politiker Sehndes ein, sich bei Besuchen in der Asse selbst ein Bild von dem Vorgetragenen zu machen.

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