Altern ist ein individueller Prozess – aber Tanzen hilft

30. April 2016 @

Prof. Dr. Marc Ziegenbein, seit 1. April neuer Ärztlicher Direktor und Chefarzt am Klinikum Wahrendorff und Oliver Rosenthal, Leitender Arzt der Abteilung Seelische Gesundheit, begrüßten in der letzten Aprilwoche 230 Teilnehmer beim VIII. Gerontopsychiatrischen Symposium im Klinikum Wahrendorff in Köthenwald. Die Vorträge waren allesamt wissenschaftlich fundiert und pointiert vorgetragen. Das wunderte nicht, denn es hatten sich fachlich ausgewiesene Referenten im Klinikum Wahrendorff eingefunden, die zur „Crème de la Crème“ der deutschen Alternsforschung zählen.

Über allen Vorträgen stand die Frage „Das Alter als Behinderung?“. Dskutiert wurde unter reger Teilnahme des Fachpublikums über Entwicklungsmöglichkeiten und Grenzen des Alterns.

Referenten und Gastgeber des VIII. Gerontopsychiatrischen Symposiums am Klinikum Wahrendorff (v.li.): Prof. Dr. phil. Thomas Rentsch, Prof. Dr. rer. nat. Andreas Simm, Prof. Dr. med. Wolfgang Renteln-Kruse, Prof. Dr. Marc Ziegenbein, Oliver Rosenthal, Prof. Dr. med. Christian Winkler – Foto: Joachim Giesel

Referenten und Gastgeber des VIII. Gerontopsychiatrischen Symposiums am Klinikum Wahrendorff (v.li.): Prof. Dr. phil. Thomas Rentsch, Prof. Dr. rer. nat. Andreas Simm, Prof. Dr. med. Wolfgang Renteln-Kruse, Prof. Dr. Marc Ziegenbein, Oliver Rosenthal, Prof. Dr. med. Christian Winkler – Foto: Joachim Giesel

Krankheit, nachlassende Leistungsfähigkeit, Endlichkeit und Endgültigkeit sind ein fester Bestandteil des menschlichen Lebens. Gerade das hohe Alter konfrontiert den Menschen mit diesen Grenzen. Jedoch ist es nicht ausschließlich durch diesen Defizitgedanken geprägt. „Die Herausforderungen des Alterns können ebenso Anlass für Entwicklungsmöglichkeiten sein, die sowohl für den Menschen selbst als auch für die Gesellschaft eine Bereicherung darstellen“, so Rosenthal in seinen einleitenden Worten.

Die Referenten näherten sich den Grenzen und Entwicklungsmöglichkeiten aus biologischer, medizinischer und ethischer Perspektive und machten darauf aufmerksam, dass auch im hohen Alter ein gutes und gelingendes Leben möglich ist.

Professor Dr. med. Wolfgang Renteln-Kruse, Chefarzt der Medizinisch-Geriatrischen Klinik am Albertinen-Haus und Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, brachte umfassende Studienergebnisse zu den Themen Ressourcen und Risiken der Hochaltrigkeit mit nach Sehnde. Dabei räumte er mit falschen Assoziationen zum Alter auf, die zu einer Altersdiskriminierung in unserer Gesellschaft führen. Die Ansicht, Alte seien gebrechlich und tragen nicht zum Bruttosozialprojekt bei, ist weit verbreitet, ebenso wie die Vorstellung, dass Alter automatisch mit Pflegebedürftigkeit verbunden sei. „Das ist Quatsch“, führte Renteln-Kruse aus und legte umfassendes Datenmaterial aus der zweitgrößten Stadt Deutschlands mit knapp 1,8 Millionen Einwohnern vor. Trotz demographischen Wandels seien in Hamburg nur 3 Prozent der Gesamtbevölkerung pflegebedürftig. „Und dies geht auch erst in der achten Dekade los. Die Mehrheit ist nicht pflegebedürftig.“

Was aber sind die Ursachen des Alterns? Dieser Frage ging Professor Dr. rer. nat. Andreas Simm, Forschungsleiter der Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie des Universitätsklinikums Halle (Saale), in seinem kurzweiligen Vortrag nach. „Biologisches Altern ist durch die allmähliche Akkumulation von molekularen und zellulären Defekten charakterisiert. Eine wichtige Ursache dafür ist Stress, beispielsweise oxidativer oder glykotoxischer Stress. Gene, die Langlebigkeit beeinflussen, sind häufig mit der Regulation der zellulären antioxidativen Abwehr und/oder mit Reparatursystemen assoziiert“, führte Simm ein. In Kombination mit dem altersabhängigen Nachlassen der Abwehr- und Reparatursysteme führen Schädigungen zu einer sogenannten gestörten Homöostase und damit zu Alterung und Erkrankungen. Anschaulich verdeutlichte Simm die Vor- und Nachteile von Altersmechanismen. So sei es grundsätzlich möglich, mit Stammzellen das Leben um ein Vielfaches zu verlängern, zugleich wird damit aber auch der beste Tumorabwehrmechanismus außer Kraft gesetzt.

Simm stellte vereinfacht dar, wie intensiver Stress Alterungsprozesse beschleunigt, milder Stress sich positiv auf die Lebensspanne auswirken kann. Aktivität jedoch ist immer gut.

Die Individualität des Einzelnen zeichnete somit den Bogen über alle Vorträge. „Wir sind einmalige Individuen, bei aller Reproduzierbarkeit“, philosophierte Professor Dr. phil. Thomas Rentsch, Professor für Praktische Philosophie und Ethik, von der Technischen Universität Dresden. Er kritisierte die negative ideologische Sicht auf das Alter und plädierte für eine Erziehung zum ganzen Leben. Professor Dr. med. Christian Winkler, Chefarzt der Neurologie vom Krankenhaus Lindenbrunn in Coppenbrügge, zeigte abschließend am Beispiel der Parkinsonkrankheit individuelle Möglichkeiten der Altersrehabilitation auf. „Denn jeder Patient hat andere Wünsche und das zunächst Sichtbare muss nicht das entscheidende Problem sein.“

In einem waren sich Neurologen, Biologen und Mediziner einig: So individuell der Alterungsprozess ist, Tanzen ist für jeden gut.

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