Als Deutscher in den USA

19. Mai 2015 @

Heute: Vor Gericht

Letzte Woche war richtig spannend. Meine Frau und ich mussten vor Gericht erscheinen. Zuvor war alles wie im Film gelaufen. Jemand hatte an der Tür geklopft, ich öffnete und ein wichtig aussehender Mann drückte mir ein paar Papiere in die Hand und sagte: „You got served“. Wie gesagt, alles wie im Film. Oder in „Law & Order“, je nachdem, was Sie lieber gucken.

Als Deutscher in den USA

Neues aus den USA von Andreas Kraatz – Foto: Gerd Altmann/Pixelio.de

Die Papiere waren übrigens von einem Anwaltsbüro, von dem wir noch nie gehört hatten und die uns etwas vorwarfen, von dem wir nichts wussten. Wir waren also völlig unschuldig, aber das behaupten ja alle angehenden Knastis. Ich legte schon mal eine CD mit alten Gefängnissongs von Johnny Cash ein, um mehr über Folsom Prison oder San Quentin zu erfahren. Das mit dem Seife aufheben wusste ich allerdings schon.

Meine Frau suchte inzwischen alle Papiere zusammen, die wir eventuell benötigen könnten, was irgendwie schwierig war, da wir ja keinen Schimmer hatten, was da vor sich ging. „Ruf‘ die doch mal an, und frag‘, was los ist“, schlug ich vor.

„Der Anwalt sagt, wir schulden ihm 700 Dollar von einer unbezahlten Kreditkarte und die will er jetzt wiederhaben“, sagte meine Frau, als sie aufgelegt hatte. Es stellte sich außerdem heraus, dass wir vermutlich gar nicht gemeint waren. Dieser Anwalt hatte meine Frau nämlich immer „Mrs. Bartz“ genannt und so heißen wir ja nun wirklich nicht. Das hat da aber keiner kapiert. Also blieb uns nichts weiter übrig und wir zogen mit unseren Papieren nach Nashville vor Gericht.

Zuerst wurden wir wild kontrolliert, damit wir keine Bomben, Pistolen oder anderes Kriegsspielzeug im Aktenkoffer hatten. Ich war schon bereit, mich bis auf die Unterhose auszuziehen, als der Beamte abwinkte. „Dafür bezahlen sie mir hier zu wenig“, sagte er und machte sich fertig, um eine junge Dame abzufummeln, die erstaunliche Ähnlichkeit mit Pamela Anderson hatte. Da will man als „Green Card“ Besitzer mal im amerikanischen Rechtssystem alles richtig machen, und dann kommt einem glatt Pam dazwischen. Sowas aber auch.

Nun ja, wir waren erst mal drin. Im Bereich „Verkehrsdelikte“ drängelten sich die Massen. Kein Wunder, hier fahren sie ja alle, als wenn die Landesnervenklinik Ausgang hat. Wir fanden „unseren“ Gerichtssaal relativ schnell, es wurden dort aber noch zusätzliche Verkehrsvergehen verhandelt und so verzögerte sich erst mal alles. Mir fiel ein mittelschwer derangierter Herr auf, der auf drei wartende Anwälte zuwankte wie der Hauptdarsteller aus „Die Nacht der lebenden Toten“ und begann, auf sie einzuquatschen.

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast.  - Foto: AK

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast. – Foto: AK

„Beide Arme haben sie mir abgehackt“, krähte der Suffkopp und wedelte mit zwei völlig intakten Extremitäten vor den Gesichtern der verwirrten Männer herum. „Ab-ge-hackt!“ wiederholte er und wir alle, die wir hier auf unsere Verhandlung warteten, bedauerten langsam, dass es nicht sein Kopf war. Einer der Anwälte deutete an, dass das wohl der Entmündigungsfall sei und wirklich hetzte plötzlich eine Frau „Onkel Dooley, was machst Du denn wieder“ rufend auf den Schreihals zu, um ihn zu beruhigen.
Mich würde eigentlich mal interessieren, wie der hier reingekommen ist. Wie Pam Anderson sah der nämlich nicht aus. Aber dann waren sie auch schon weg und unser Fall, der ja eigentlich keiner war, wird aufgerufen. Der Saal ist brechend voll mit Leuten. „Schön, dass Sie alle da sind“, sagte der Richter. Seine gute Laune legte sich etwas, als er erfuhr, dass er rund 350 Fälle abhandeln durfte. Wahrscheinlich hatte er während seines Jurastudiums von total coolen Mordfällen oder sowas geträumt und jetzt konnte er sich mit so einem Schei – äh, Alltagskram abgeben.

Es ging dann aber doch alles viel schneller, als erwartet: Wir wurden aus dem Saal geschickt und sollten im Einzelgespräch mit dem Typen vom Anwaltsbüro eine Lösung finden, während der Richter vermutlich eine Konferenz mit Jack Daniels hatte. „Ah, die Familie Bartz“, sagte der Anwalt freundlich. „Da schulden Sie uns ja einen ganzen Batzen Geld. Wie wollen Sie zahlen? Jetzt? In Bar? Alles? Kein Problem, ich nehme auch Schecks.“ Wir freuten uns für ihn, mussten ihm aber mitteilen, dass er sich seine Forderung … na, Sie wissen schon was, konnte, da wir nicht die Bartzens waren.

Wir konnten ihn ein wenig damit trösten, indem wir versprachen, dass wir die nächste Kreditkarte total überziehen und niemals eine Rate zurückzahlen würden. Und das er uns dann verklagen könnte. Das stimmte ihn etwas fröhlicher. Wir raffelten unser Zeugs zusammen und machten uns davon.
Irgendwo erzählte Onkel Dooley immer noch was davon, wie der Vietkong ihm beide Arme abgesägt hatte. „Was regste Dich auf“, antwortete eine genervte männliche Stimme, „sind doch prima wieder nachgewachsen. Und jetzt zieh‘ ab und sieh‘ zu, das Du Land gewinnst.“ „Wo denn?“ greinte Onkel Dooley. „Na, auf dem Hieb – und Stichfest“, rief eine andere Stimme.

Das wurde uns dann aber doch zu albern und wir sind nach Hause. Alte Regel, besonders vor Gericht: Man soll ja immer gehen, wenn’s am Schönsten ist.

Diese und weitere Geschichten gibt es wie immer auf dem Blog “Rock Bottom” von Andreas Kraatz direkt zum Anhören.

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