Als Deutscher in den USA

6. Mai 2015 @

Heute: Ein langer, ruhiger Fluss

Ich habe vor einiger Zeit mal geschrieben, dass ich in die Republik Kongo umziehen will, weil die da garantiert ein besseres Gesundheitssystem haben als wir hier in den USA. Nachdem ich allerdings von einer Kusine des mittlerweile toten kongolesischen oder zairischen Diktators Mobutu gehört habe, was die alles mit ihren hart erarbeiteten Millionen Dollars gemacht haben – nee, nee.

Als Deutscher in den USA

Neues aus den USA von Andreas Kraatz – Foto: Gerd Altmann/Pixelio.de

Außerdem schmachtet ihre mit Modelmaßen ausgestattete, wunderschöne Tochter unbekleidet in irgendeinem Kerker in der Hauptstadt und wird täglich von den Wachen begrabbelt. Wenn ich nur die 50 000 Dollar zusammenbrächte, um sie zu retten. Ein „total ehrlicher Anwalt in Nigeria“ würde das Geld dann an die richtigen Stellen weiterleiten – hat der mir ja oft geschrieben. Aber das interessiert ja hier mal wieder keinen. Ignoranten. Selbst meine Frau hat mir vorgeschlagen, ich könne mir diese Geschichte doch mal kurz „an den Helm löten“. Sowas von herzlos.

„Nigerianische Prinzessinnen hab’ ich schon drei im Keller“, sagt mein Nachbar uninteressiert und saugt an seiner Kräuterkippe. „Alles, was die wollen, ist essen, essen, essen, bis man keine Haare mehr auf dem Kopf hat.“ Ich nehme ihm den Gesundheitsdocht aus der Hand und ziehe ein paar Mal kräftig. „Was Du im Keller hast, sind Waschbären, du Eumel“, erkläre ich ihm, nachdem die Bimmelbahn wieder weg ist. „Oder so“, erwidert mein Nachbar. „Alles das Gleiche. Ich geh’ jetzt rein, abhängen.“ Er steht auf. „Du hängst seit zwanzig Jahren ab“, rufe ich ihm hinterher, aber er hört schon nicht mehr. Man kann’s mit dem Meditieren auch übertreiben.

Zurück in der Wohnung finde ich unsere Tochter und ihre neueste Errungenschaft auf dem Sofa. Er knetet einen ihrer Füße und für einen kurzen Moment sieht es aus, als würde er an ihrem großen Zeh lutschen. Verdammt, denke ich, Ostern ist doch schon längst vorbei. Oder die Gesundheitskräuter wirken noch. Beide starren im Übrigen auf ihre Handys und kichern vor sich hin. Vermutlich schicken sich gegenseitig Textnachrichten.

Reden ist ja heutzutage total out. Ihr „Boyfriend“ hat sich deshalb hier bei uns auch recht wortkarg selbst eingeladen. Man hört ihn eigentlich nur, wenn er uns den Kühlschrank leer frisst. Oh, er benutzt übrigens einen von diesen tollen Rappernamen, sowas wie „2 Tight“ oder „2 Blöd“. In Wirklichkeit heißt er Clifton. Wie eine Gestalt aus einem Kinderbuch.

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast.  - Foto: AK

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast. – Foto: AK

Im Supermarkt blockiert eine mittelalte Dame mit Lockenwicklern im Haar und in einen etwas knapp sitzenden Bademantel gehüllt zwei Selbstbedienungskassen, ohne Anstalten zu machen jemals auszuchecken. Ich vermute, sie ist in irgendwas involviert, das mit den sieben Tibetern, Tim & Struppi oder dem Großen Cthulhu zu tun hat. Ich drücke mich also vorsichtig an ihr vorbei und beginne, meinen Einkauf zu scannen. Plötzlich steht sie neben mir und sagt: „Das war sehr unfreundlich von Ihnen. Ich finde, Sie sind ein verdammter Rüpel. Hoffentlich verwandeln sie sich bald in Schafscheiß.“ Dann fuchtelt sie mit ihren Fingern so in der Luft herum und brabbelt weiter vor sich hin. Ich haue ab und habe seitdem irgendwie das seltsame Gefühl, dass mein Kopf schrumpft.

Wieder zuhause probiere ich gleich mal meine Baseballkappe auf. Nee, alles normal. Ich weiß auch nicht so ganz, was ich erwartet habe. Außerdem: Rüpel, ehrlich mal. Unverschämtheit. Offenes, kritikfähiges Wesen, nenne ich das. Ein Leben, gewidmet dem kritischen Problemdiskurs. Sachliche Auseinandersetzung mit Alltagsthemen. So eine alte Knallcharge.

Tja, aber ansonsten plätschert das Leben ereignislos vor sich hin, was ich zur Abwechslung mal gar nicht so schlecht finde. Jeden Tag Tet-Offensive muss ich auch nicht haben. Das ist jetzt übrigens der Mitmachteil meiner Geschichte, denn Tet-Offensive müssen Sie nun nach-googeln. Dann kann ich mal kurz zum Friseur – und Sie haben mal wieder was gelernt. Bis zum nächsten Mal!

Diese und weitere Geschichten gibt es wie immer auf dem Blog “Rock Bottom” von Andreas Kraatz direkt zum Anhören.

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