Als Deutscher in den USA

29. April 2015 @

Heute: Sprachlos

„Ihr Aussprack nickt korräckt sind“, erklärt mir das Sprachlernprogramm „Deutsch“ der Firma „US Language“ und macht ein furzähnliches Geräusch, das wohl irgendwie andeuten soll, dass ich was falsch gemacht habe. Die Hersteller werben damit, dass sie sogar die Regierung in Washington mit ihrer Software versorgen und das sie 35 Sprachen im Programm haben, darunter Altpupen, dass nur noch von drei Leuten auf der Welt gesprochen wird, und Saknat, ein seltener Dialekt der grönländischen Fimselschamanen. Naja, whatever, man gönnt sich ja sonst nichts. Wir waren ja außerdem bei der CD „Deutsch für Anfänger und Fortgeschrittene“.

Als Deutscher in den USA

Neues aus den USA von Andreas Kraatz – Foto: Gerd Altmann/Pixelio.de

Die Installation war ja noch ganz unkompliziert. CD ins Laufwerk, starten und nach zehn Minuten konnte es losgehen. Zuerst musste das Programm allerdings eingerichtet und justiert werden. Dazu gab es einen Kopfhörer mit Mikrophon, der so stramm saß, dass nach ein paar Momenten bereits mein Kopf taub war. Das Mikrophon hatte die Qualität einer Blechbüchse, aber für 900 Dollar kann man wahrscheinlich nicht viel mehr erwarten. Das Lernprogramm zeigte mir eine Liste von Worten, die ich laut lesen sollte, damit die Software sich an mich gewöhnen konnte.

Ich betete also brav die englischen Worte herunter, die da über den Schirm schnurrten und wartete auf den Start der ersten Lektion. Und dann ging es auch schon los. „Alltag in Deutschland“ stand da. Ich machte es mir bequem. „Sprekken Tsi mirr nnk“, krächzte das Programm. Die Stimme kam mir seltsam bekannt vor. Ich sah kurz im Handbuch nach. Aha, ein Stimmrobot. Inge Meysel, stand da, glaube ich. Ich hätte sicher auch Helmut Kohl, Dieter Bohlen und Nadja Ab-Del Farrak, kurz „Naddel“, oder so auswählen können. Wie gesagt, nur 900 Dollar. Man nicht alles haben.

„Mein Champagner ist alle“, sagte die Frau. „Raub’ eine Bank aus“. Ich wiederholte artig. War ja alles nur Spiel. Das Programm „furzte“. „Aussprack für Hinterteil“, erklärte es vorwurfsvoll. „Nochmal, sonst gibt’s auf’s Maul”. Schön. Also nochmal. Ein erneuter Ton. Ich hatte langsam das Gefühl, dass die Hersteller des Programms keinen Schimmer hatten, wie sich Deutsch überhaupt anhörte. „Ja, das Gesprutzen, mack schnell“, sagte ich also selbstbewusst. Ich war ja schließlich Muttersprachler. Und es zahlte sich aus. „Datzwah rischtkisch“, sagte diese „Naddel“.

Jetzt gab es kein Halten mehr. Was kauft der Deutsche im Supermarkt? Köddel, Nuck und Flimsie. Was trinken sie am Abend beim Fernsehen oder auf Parties? Blök, Knopfhusten oder Schleim. Ach, ich kann mich noch gut an mein erstes Glas Knopfhusten erinnern. Mein Vater hatte sogar eine Extraportion Gompel darüber gestreuselt. Mann, war ich breit damals! Vielleicht hätte ich vorher doch eine Dose Köddel essen sollen. Das hilft bei zu viel Knopfhusten.

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast.  - Foto: AK

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast. – Foto: AK

Aber weiter. Begrüßungen: „Tach, Du Sau“ für formelle Veranstaltungen, so mit Hochadel und Politik und so. „Weissuwassumichmakannst?“ als akzeptable Antwort auf die Frage eines Einheimischen nach der Uhrzeit. Das Lernprogramm war einfach klasse. Es gab sogar ein Kapitel über regionale Eigenheiten in Deutschland. So erfuhr ich, dass der Hesse seinen gebratenen Hamster gern mit Fell verzehrt und im Sommer in einer Erdmulde schläft. Der Sachse reitet auf dem Hausschwein zur Arbeit und in Bayern ist es nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht, in der Kirche zu rauchen, allerdings nur unbekleidet. Wow! Und ich dachte immer, ich wüsste alles. So kann man sich täuschen. Das mit dem Verbot von Klaviermusik in Bochum war sogar mir neu.

Ich hab’ dann mal ein Päuschen gemacht und bin ein bisschen vor die Tür. Da saß mein Nachbar und unterstützte seine Gesundheit mit einer Kräuterzigarette. „Warum lernste denn Deutsch? Das kannste doch schon“, fragte er. „Die Deutschlehrerin meiner Tochter fand das überhaupt nicht“, sagte ich. „Sie war der Meinung, das sei alles Flips. Die blöde Toblerone.“ Irgendwie wirkte das Programm noch nach. „Lern‘ lieber Spanisch“, schlug mein Nachbar vor. „Das kannste hier viel besser gebrauchen.“ „Na, dann sag‘ mir mal, was ‚Hallo, wie geht’s denn so?‘ auf Spanisch heißt“, regte ich an. „Yo cago a ta puta madre“, sagte mein Nachbar ohne zu zögern.

Ich beschloss vorsichtshalber, mal einen Blick ins Internet zu werfen, bevor mich irgendwer in einer Nebenstraße von Atahualpa erstach, nur weil ich irgendwas nicht richtig ausgesprochen hatte. Ich fand schnell, was ich suchte und lassen sie mich nur so viel sagen: Es bedeutet nicht „Hallo, wie geht’s denn so?“ Nicht mal ansatzweise. Ich glaube, ich bleibe doch lieber bei Deutsch. Obwohl mich ja interessieren würde, wie man auf Altpupen oder Saknat ein Bier bestellt. Auf Spanisch kann ich’s ja schon: Otra Cervesa, por favor. Sie sehen: Der Urlaub in Mexiko ist gesichert. Man sieht sich – ach so, das Deutschlernprogramm habe ich übrigens weggeworfen.

Diese und weitere Geschichten gibt es wie immer auf dem Blog “Rock Bottom” von Andreas Kraatz direkt zum Anhören.

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