Als Deutscher in den USA

9. April 2015 @

Heute: Don’t judge me

“Don’t judge me!” ruft mir meine achtjährige Enkelin zu und löffelt weiter die Suppe, die ich gerade für sie erhitzt habe. Was war geschehen? Warum sollte ich sie plötzlich nicht mehr nach ihren Handlungen beurteilen, nicht mehr auf das Niveau ihrer sozialen Kompetenz eingehen? Ich war verwirrt. Dann sah ich, dass auf dem Löffel ein Stück Kartoffel einen Karottenwürfel berührte. Das war selbstverständlich ein unglaublicher Vorgang. „Ich werde das wohl dem Präsidenten melden müssen“, flüsterte ich heiser und suchte nach meinem Handy.

Als Deutscher in den USA

Neues aus den USA von Andreas Kraatz – Foto: Gerd Altmann/Pixelio.de

Das Kind ließ die aufsässigen Nahrungsmittel flugs in den Mund gleiten und kaute heftig. „Nee, nee, ist schon gut“, mampfte sie. „Kann ich hinterher noch eine Mandarine?“ Da war ich dann wieder beruhigt. Ich war ja schon kurz davor gewesen, so eine von diesen Psychiater Hotlines anzurufen. Und der Präsi hat sicher auch Besseres zu tun. „Ich geh‘ denn mal und mach‘ meine Sachen für die Schule fertig“, sagt meine Enkelin wenig später und trägt allerlei grünes Zeug zusammen: T-Shirts, Haarclips, Armbänder, Socken und Hosen. Ich wusste gar nicht, dass sie soviel Zeugs in dieser Farbe besitzt.

„Ich will ja schliesslich nicht gekniffen werden“, erklärt mir das Kind mit fachmännischer Miene und probiert ein Armband an. Ach ja, denke ich, ist ja Saint Patrick’s Day und den feiern sie hier alle. 50 Prozent aller Amerikaner stammen sowieso aus Irland. Für alle anderen ist es mal wieder ein willkommener Grund, sich ordentlich einen reinzutun. Dazu trägt der „echte Ire“ T-Shirts mit Aufdrucken wie „Kiss me,I’m Irish“ oder „Bier schmeckt nur grün“. Wer zuviel Bier trinkt, wird zudem grün im Gesicht. Das passt dann wieder.

Aber wir waren ja beim Kneifen. Wer also nichts Grünes am Saint Patrick’s Day trägt, wird von allen anderen Irophilen (oder nennt man die Hibernetiker? Keine Ahnung) zur Strafe in den Arm, Bauch oder Hintern gekniffen, bis sie grün und blau sind. Da passt’s dann auch wieder. Aber im Grunde genommen will das natürlich niemand, und schon gar nicht meine kleine Achtjährige. „Willste Dir wirklich den ganzen Krempel umhängen?“ frage ich. „Dann siehste ja aus wie ein irischer Weihnachtsbaum.“ Das Kind denkt kurz nach. „Don’t judge me!“ ruft sie erneut. Ich habe langsam das Gefühl, sie weiss gar nicht wirklich, was sie da sagt.

Ich gehe vor die Tür. Auf der Treppe sitzt mein Nachbar und nuckelt an einer Flasche grünem Tequila. Das kann ja was werden. Es ist gerade mal zehn nach Neun. „Top of the Morning to ye!“ jodelte mein mexikanischer Bekannter begeistert und zeigte mir ein Foto, dass er offenbar aus der Zeitung ausgeschnitten hatte. Darauf war ein hünenhafter Mann in einer schmucklosen Uniform zu sehen. Jemand hatte ihm zudem einen gigantischen mexikanischen Schnurrbart angemalt. „Onkel Michael“, sagte mein Nachbar mit Inbrunst. „Das war einer, kann ich Dir sagen.“

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast.  - Foto: AK

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast. Einfach auf das Bild klicken – Foto: AK

„Das ist Michael Collins, der Gründer der irischen Armee“, sagte ich kühl. „Den haben irgendwelche Schergen Anfang der 20er Jahre aus dem Hinterhalt erschossen. Keine Kinder, keine Familie und schon gar nicht in Mexiko.“ Das habe ich mal in einem Buch gelesen. In Geschichte kenne ich mich aus. Mein Nachbar zuckt nur kurz mit den Schultern und reicht die Flasche mit der grünen Brühe an mich weiter. Ich nehme einen ordentlichen Hieb. Kaktus ist schliesslich auch grün. Das Zeug schmeckt wie eingeschlafene Füße. Genau wie die Kräuter in der Zigarette, die wir anschliessend rauchen. Dennoch kommt die Bimmelbahn schneller als erwartet. Muss wohl an der heilenden Kraft der Kräuter liegen.

„Die müssten den schiefen Turm von Pisa auch mal wieder aufrichten“, sage ich diffus und zähle die Blätter an einem Busch auf der anderen Seite der Wiese. „Siebenhundertfünfundachtzig“, stelle ich wenig später, zufrieden fest. „Alle noch da. Gut so. Und jetzt geh‘ ich kochen. Ich hab’ nämlich Hunger.“ Leicht schwankend lausche ich einen Moment, wie sich die Erde dreht. Dann lächle ich zufrieden. „Ich glaube, ich werfe ein paar Pinguine auf den Grill. Kannst ja später auf ein Guinness vorbeikommen.“

Und genau so haben wir es dann auch gemacht. Die Pinguine haben wir übrigens laufen lassen und stattdessen ein paar Steaks gebraten. Alles ganz harmlos also. Aber bitte: Don’t judge me!

Diese und weitere Geschichten gibt es wie immer auf dem Blog “Rock Bottom” von Andreas Kraatz direkt zum Anhören.

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