Als Deutscher in den USA

25. März 2015 @

Heute: Bizarre Welten

Bei uns, will sagen in Middle Tennessee, also Nashville, hat es ja vor ein paar Tagen nochmal kräftig geschneit. Es war, das muss man dazu sagen, bereits März und wir befanden uns eigentlich schon auf dem besten Weg in den Frühling. Die sinnlose Sommerzeit wartete bereits an der Straßenecke, rauchte eine und beharrte auf Einlass, aber nix: Der Wetterbericht sollte recht behalten. Praktisch über Nacht glotzten wir plötzlich auf 20 Zentimeter Neuschnee, geschlossene Decke, Blitzeis eingeschlossen und wir hatten keinen Schimmer, was passiert war, fast so wie die Bundesbürger nach der letzten Wahl.

Als Deutscher in den USA

Neues aus den USA von Andreas Kraatz – Foto: Gerd Altmann/Pixelio.de

Geschätzter Temperatursturz um etwa 30 Grad, erzählten uns die Radiomoderatoren. Unsere Vögel froren praktisch am Futterhäuschen fest. Mein Nachbar stand später mit einer Harpune auf dem Balkon und wartete auf Eisbären. Dabei rief er irgendwas, das wohl Inuit-Sprache sein sollte. Es hörte sich allerdings an, als hätte er unregelmäßige Verdauung. Irgendwann sollte er sich vielleicht doch mal das Gehirn durchpusten lassen haben, äh, sollen müssen. Oder ja. Also, Eisbären kamen nicht vorbei, und der Chihuahua unserer Nachbarin blieb wohlweislich in Deckung. Mein Nachbar gab auf, schimpfte meckernd auf Eskimoart und ging wieder rein.

Kennen Sie eigentlich Puxatony Phil? Das ist so ein Murmeltier, das in einem Baumstumpf gefangen gehalten wird und das einmal im Jahr seinen Schatten finden muss. Findet er ihn, bleibt’s nochmal sechs Wochen kalt, wenn nicht, dann nicht. Dieses Jahr nun hat er ihn gefunden. Leider, möchte man laut ausrufen, und zum ersten Mal im Leben ein Murmeltier verprügeln. „Täglich grüßt das Murmeltier“ live – schrecklich. Naja, wie auch immer, all der Schnee und all das Eis hielten meine geliebten lokalen Autofahrer nicht davon ab, sich wie die Verrückten aufzuführen. Milch und Brot aus dem Supermarkt waren ja auch schon ausverkauft.

Während ich also so den frisch eingeschneiten Highway entlang schnurrte, und weil ich nur ein Auto besitze, war ich dabei entsprechend vorsichtig, schoss plötzlich ein knallroter Porsche an mir vorbei – mit 60 Meilen pro Stunde würde ich mal sagen – drehte etwa 200 Meter vor mir ein paar fast filigrane Pirouetten, überquerte elegant drei Fahrspuren und klatschte einem alten Käsebrot ähnlich, das man aus dem Fenster eines Zuges wirft, gegen den Pfeiler eines Autobahnzubringers.

Da ich langsam genug war, konnte ich beobachten, wie ein fluchendes Männlein aus den Trümmern des Porsche kletterte und sich umsah. Tja, die kleinen Freuden des Schneetreibens. Wenn die Bullen da waren, würden sie es ihm ordentlich besorgen. Auf die Highway Patrol war Verlass. Auf der Wiese vor unserem Apartmentkomplex standen zehn verwirrte Rehe in der Gegend herum. Die hatten sich anscheinend auch schon auf den Frühling gefreut und jetzt dachten sie bestimmt, es war wieder Weihnachten. Oder sie warteten auf den Linienschlitten zum Nordpol, um beim Weihnachtsmann Sonderschichten zu fahren.

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast.  - Foto: AK

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast. – Foto: AK

Tja, und dann war, ratzfatz, am Wochenende alles wieder vorbei. Die Temperaturen schossen steil nach oben, die Sonne kam raus und sah sich um, so als wäre nichts geschehen. Mein Nachbar legte das Mäntelchen aus Eskimofellen wieder ab und verstaute die Walbeinharpune. „Verdammter Dschungel“, grumpfte er. „Kann ich ja gleich in den Kongo auswandern.“ Wie das eben so ist: Einem jeden Recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann. Wer hat das eigentlich gesagt? Der Dalai Lama? John Wayne? Til Schweiger? Keine Ahnung. Dafür kommen jetzt aber wieder langsam die „Sommerleute“ raus. Das sind Menschen, die man sonst nur nach 11 Uhr nachts bei Walmart trifft.

Der „Kopfhörer-ohne-MP3 Player-Typ“ ist so einer. Er hat sich das Ding von einem Mann namens Dr. Dre für 356 Dollar aufschwatzen lassen und kann sich deshalb jetzt nicht mal mehr einen gebrauchten Walkman leisten. Der Designer-Kopfhörer als modischer Akzent: Dümmer geht immer, möchte man ausrufen. Der so Beleidigte könnte mich nicht mal verhauen, weil er mit beiden Händen andauernd seine Hosen hochziehen muss. Das ist Hip Hop/Rap Fashion. Auch völlig unverständlich. Aber das hätten die alten Römer wohl auch über Justin Bieber gesagt und ihn dann im Zirkus zwei hungrigen Löwen vorgestellt.

Die Zeiten ändern sich eben. Unser Freund der südbalinesischen Hängehose wird spätestens im Knast rausfinden, was das bedeutet. So, jetzt muss ich aber mal wieder – mein Nachbar will den Blauwal grillen, den er noch im Gefrierfach hatte, und er braucht Hilfe beim Wenden. Und wenn gegrillt wird, bin ich immer gern bereit, mit Hand anzulegen. Blauwalsandwich soll ja echt lecker sein. Muss nur schnell gehen, wir haben hier ja schließlich schon Sommerzeit.

Diese und weitere Geschichten gibt es wie immer auf dem Blog “Rock Bottom” von Andreas Kraatz direkt zum Anhören.

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