Als Deutscher in den USA

20. März 2015 @

Heute: Ostern und die verwöhnten Blagen

Ach ja, Ostern … oder wie ich es gern nenne, das „Kettensägenmassaker der weit unter Fünfzehnjährigen“ – oder können Sie sich vorstellen, in einer amerikanischen Einkaufsmall in einem Hasenkostüm mit langen Ohren auf einem Stuhl zu sitzen und stundenlang Fotos mit amerikanischen Kindern zu machen? Ich nicht. Da könnte ich ja gleich sagen, ich säße gern mit nacktem Hintern auf einem indischen Nagelbrett. Sowas in der Art. Hier ist das aber so.

Nun ja, mein Nachbar ist jedenfalls kurz davor, seinen österlichen Teilzeitjob aufzugeben und seine Hasenohren an den Nagel zu hängen. „Können die sich nicht ein Osterei wünschen und nicht andauernd ein neues Auto oder eine NATO Drohne?“, fragte er mich neulich entnervt, und es kostete mich einen Moment, ihn davon zu überzeugen, dass er nicht der Osterhase ist. Er will jetzt vor der Arbeit weniger Kräuterzigaretten rauchen.

Als Deutscher in den USA

Neues aus den USA von Andreas Kraatz – Foto: Gerd Altmann/Pixelio.de

Aber das wollte ich ja eigentlich gar nicht hin.

Amerikanische Eltern würden Ihnen nämlich mit vor Überzeugung zitternder Stimme mitteilen, dass ihr Kind nicht so eine verwöhnte Blage sei, sondern dass sie, die liebenden Eltern, sich nur besonders gut um sie kümmern würden. Das ist so ein amerikanischer Wesenszug – Haustieren und den lieben Kleinen wird es sozusagen hinten und vorne verschärft reingeschoben. Die Kinder teilen den Eltern dafür im Gegenzug dann später mit, wie sehr sie sie hassen und dass sie über ihre furchtbare Kindheit ein ganz dickes Buch schreiben würden. Ganze Generationen von Psychiatern leben davon ganz prima, besonders in Hollywood.

So gleicht sich alles wieder aus.

Bildung und Ausbildung kosten ja in Amerika einen Haufen Geld. Eltern schließen deshalb eine Ausbildungsversicherung für ihre Kinder ab, wenn die noch in den Babyschuhen stecken. Mit 18 haben die Sprösslinge dann Zugang zu der angesparten Summe und legen sie üblicherweise recht gnadenlos in Alkohol und Drogen an. Wenn es nämlich etwas gibt, um das sich Teenager so überhaupt nicht scheren, dann ist das ihre Bildung. Das ist allerdings ein weltweites Phänomen und nicht unbedingt US-spezifisch.

Ich wollte zum Beispiel Pirat werden, Rum trinken und all mein Geld auf einer Insel vergraben. Nach dem Zusammenbruch der US-Wirtschaft vor ein paar Jahren bin ich auch fast schon wieder soweit. Mit dem Rum-Trinken habe ich schon mal angefangen.

Hochzeiten sind selbstverständlich auch teuer. Beide Elternpaare zahlen sich dumm und dämlich, um ihren Nachwuchs endlich aus dem Haus zu kriegen. Bei dem ganzen Sums plus Essen & Trinken – also, da gehen schnell mal ein paar tausend Dollar über den Tisch. Fragen Sie mal die Kardashians.

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast.  - Foto: AK

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast. – Foto: AK

Ich soll ja angefangen haben, haltlos zu weinen, als unsere Tochter uns mitteilte, sie wolle den spindeldürren, pickligen Typen mit den fettigen Haaren und dem Bob Marley Tattoo auf der linken Wange heiraten, der da neben ihr auf dem Sofa hockte und irgendwem irgendwas textete. Aber: Alles Gerüchte natürlich. Ich war im Geist nur schon mal die Rechnung durchgegangen. Später schob sie übrigens noch nach, dass sie außerdem schwanger wäre, aber da waren meine Frau und ich schon abgehärtet genug. Ach so, Schlagzeug in einer Punkband spielte der Herr Ehemann auch. Aber tun sie das nicht alle? Uns hat danach nichts mehr erschreckt. Die Geschichte mit der essbaren Unterwäsche und dem aufblasbaren Pfarrer vielleicht, als aber das gehört jetzt wieder nicht hierher.

Also, es wurde geheiratet, geboren und geschieden, alles innerhalb von nur zwei Jahren. Es ist übrigens ein Kennzeichen vieler US-Jung-Ehen, dass sie nicht lange halten. Wie schön, dass auch unsere Tochter da nicht aus der Reihe getanzt ist. Jetzt plant sie, wieder zur Schule zu gehen, nachdem sie jahrelang behauptet hatte, wer lernt sei doof wie ein Brot und sie würde nie wieder einen Fuß in eine Schule … aber man wird eben älter und weiser. Ich habe das gerade nochmal gelesen – lassen Sie man ruhig die Weisheit weg. Passt auch so.

Wenn sie jetzt noch damit aufhören würde, sich alle vier Wochen piercen oder tätowieren zu lassen – neulich kam sie mit einem neuen chinesischen Schriftzeichen auf der linken Schulter zurück. Sie erklärte uns stolz, das es „Hoffnung“ bedeute. Ich habe dann mal im Internet nachgesehen: Es bedeutete nicht „Hoffnung“, es bedeutet „Wer andern eine gräbe grubt, sich selber auf den Käse pupt.“ Schöner hätte ich das aber auch wirklich nicht selbst sagen können. Und deshalb: Bis zum nächsten Mal.

Diese und weitere Geschichten gibt es wie immer auf dem Blog “Rock Bottom” von Andreas Kraatz direkt zum Anhören.

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