Als Deutscher in den USA

8. Januar 2016 @

Heute: Verdummungsstrahl

Das Wetter war für den langsam dahinsiechenden Herbst beachtlich: 20 Grad plus, stahlblauer Himmel und dazu ein laues Lüftchen, dass man meinen gekonnt haben sollte, es wäre Frühling. An solchen Tagen gehe ich mit dem Gasthund gern selbst vor die Tür. Bei Regen, Schnee oder biblischen Plagen zwinge ich ja immer meine Enkelin in die Gummistiefelchen. Da sollten Sie das zarte Kind mal hören! Ausdrücke wie ein besoffener Leichtmatrose kennt die. Aber da wollte ich ja gar nicht hin.

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast, einfach auf's Bild klicken - Foto: AK

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast, einfach auf’s Bild klicken – Foto: AK

Draussen sitzt mein Nachbar auf der Treppe, eigentlich wie immer. Bisweilen frage ich mich, ob er hier überhaupt noch im Haus wohnt. Er schmökt eine seiner Kräuterzigaretten. Ich mache also den Hund los, der erfreut jaulend in den Büschen verschwindet, und setze mich neben meinen Mexikaner. Der hält mir wortlos seine Kippe hin und ich zutzele daran, was das Zeug hält.

Die Bimmelbahn kommt mit Macht und wir sitzen debil grinsend auf den Stufen. Meine Gedanken schweben umhüllt von bunten Seifenblasen an mir vorbei. „Vogelpups“, sage ich und zeige auf eines der Bläschen. „Genau“, antwortet mein Nachbar und lehnt sich zurück. „Sach‘ ma‘, bei euch geht ja momentan echt die Post ab, oder?“ fragt er schließlich. Ich seufze. „Was meinsten?“ mache ich den Fehler, zu fragen.

„Na, der Bürgerkrieg, die Ermordung der gesamten Regierung, alle Städte in Schutt in Asche wie anno 45, marodierende Horden, die blonde, deutsche Frauen jagen …“ – „Du liest zu viele Nazi-Posts auf Facebook“, unterbreche ich ihn. „Das ist wie Fox News gucken. Alles erfunden.“ Mein Nachbar denkt einen Moment nach: „Aber diese Frau Merkel, die will doch im Auftrag des Kalifats ganz Deutschland islamisieren, oder?“ – „Wieder zu viel Facebook“, sage ich, „aber ich gebe zu, es ist nicht ganz einfach.“

„Ich habe da so meine ganz eigene Theorie“, erwidert mein Nachbar und zündet einen neuen Docht an. Er zieht ein paar mal kräftig und presst dann hervor: „“Verdummungsstrahl von der Wega.“ – „Kenn‘ ich. Hab‘ ich als Kind immer gerne gesehen“, sage ich mit rauem Hals. Die Kräutermischung für die neue Kippe heisst „Stinktier“ und der Name ist gut gewählt.

„Dann weißte ja Bescheid“, erwidert mein Nachbar. „Das machen die seit Jahren und wenn alles am Boden liegt, kommen sie mit ihren Untertassen und machen den Rest platt. Dieser ganze Polit– und Religionskrempel – alles erfunden! Wir sind nichts weiter als eine riesige Hühnerfarm!“ Er beginnt, sich in Rage zu reden.

„Dein Deutschland ist denen viel zu mächtig geworden. Deswegen haben sie die Dosis erhöht. Es gibt schon ganze Regionen, die komplett verblödet sind.“ Hm, denke ich, das würde erklären, was in Sachsen passierte. „Mittels Hirnmanipulation füttern sie Entscheidungsträger mit so hohlen Phrasen, dass ein Sechsjähriger misstrauisch werden würde“, erklärt mein Nachbar weiter. „Wir schaffen das!“ schreie ich plötzlich und spontan gequält auf. „Genau“, bestätigt mein Nachbar. „Das deutsche Äquivalent zu ‚Yes, we can‘. Uns machen sie zum Beispiel über die Gesundheitsreform platt. Und Sarah Palin.“

Mit einer kurzen Kräuterzigarette die Welt erklären kann nur einer - Foto: AK

Mit einer kurzen Kräuterzigarette auf der Treppe die USA erklären, das kann nur einer – Foto: AK

„Die auch?“ frage ich ungläubig. „Ein Roboter der Level One Human Class“, flüstert mein Nachbar konspirativ. „Wird sonst nur bei Pornos eingesetzt. Fast perfekt. Hatte mal eine Fehlfunktion und forderte die Amerikaner auf, nicht mehr fernzusehen, weil all das Böse und die schlechten Nachrichten das Gehirn zu sehr belasten würden. Zum Glück haben alle gedacht, das es ein Witz wäre.“

„Plötzlich ergibt alles einen Sinn“, stoße ich entsetzt hervor. „Und Angela Merkel?“ frage ich ihn vorsichtig. „Hat bisher rund 50 Prozent ihres Auftrages ausgeführt. Abschnitt 1 war der Ruin der DDR, zusammen mit diesem Schnarpofski.“ – „Schabowski“, korrigiere ich ihn. „Oh, ja, schulljung“, sagt mein Nachbar, „natürlich. Schlagorski.“

Es war ja auch egal. Eine ausserirdische Invasion! Und dann noch von der Wega! Fast nicht zum Aushalten. Ich komme mir plötzlich vor, wie ein Serienheld. „Wo werden sie landen?“, will ich mit zitternder Stimme wissen. David Vincent und Colonel Straker wären stolz auf mich. Das hätten sie bestimmt auch gefragt.

„Schlagorski“, erwidert mein Nachbar monoton und „Wir schaffen das“. Verdammt. Ich rufe nach dem Hund. Er kommt mit irgendwas im Maul angewetzt. „Hasten da wieder gefunden?“ frage ich und nehme ihm seine Beute ab. Es ist eine zerkaute ausserirdische Trompetennase in Grün. Der Hund bellt. Ich gebe ihm die Nase zurück. Ist ja vielleicht besser so. Mein Nachbar sieht’s und murmelt anerkennend: „Wir schaffen das.“

Diese und weitere Geschichten gibt es wie immer auf dem Blog “Rock Bottom” von Andreas Kraatz direkt zum Anhören.

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