Als Deutscher in den USA

29. Dezember 2015 @

Heute: Jahresrückblick 2015

Tja, Weihnachten, das war’s ja wohl mal wieder. „Und tschüss“ rufen sie hier alle restlos erschöpft und finanziell am Ende. Die Kreditkartenindustrie kichert und Ende 2016 geht’s wieder von vorne los. Wie dem auch sei, heute gibt’s den Jahresrückblick 2015!

Januar: Wie immer völlig überraschend kommt der Jahreswechsel, was dazu führt, dass viele Amerikaner urplötzlich im Übermaß Alkohol verzehren, verzweifelte Tänze in den Straßen New Yorks aufführen und dabei dumme Hüte tragen und auf Riesenbildschirmen Jennifer Lopez und Ryan Seacrest beim Rumhopsen zuschauen. Dazu rutscht ein riesiger Glasball eine Stange herunter und dann klatschen alle und singen irgendwas Schottisches. Vernünftige Zeitgenossen, wie zum Beispiel mein Nachbar und ich, sitzen auf der Treppe vor unseren Apartments und begrüßen johlend den Beginn jeder neuen Minute. Dazu gibt’s Kräuterzigaretten und billigen Tequila. Später kommt noch mein Hund dazu und macht auf den Rasen. Ein von uns flugs in das Häufchen eingeführter Chinaböller löst großes „Hallo“ aus. Den „offiziellen“ Jahreswechsel verpassen wir dabei natürlich, aber was soll’s, dann bleibt’s eben 1987. Merkt ja sowieso keiner. Was war sonst noch? Oh, ja richtig, in Peru schwankt für fünf Minuten eine Hängebrücke.

Neues aus den USA von Andreas Kraatz- Foto: AK

Neues aus den USA von Andreas Kraatz. Für den Podcast aufs Bild klicken – Foto: AK

Februar: Mein Nachbar beginnt mit dem Bau einer Zeitmaschine. Er will Texas an Mexiko zurückgeben und Gottkaiser von Nashville-Süd werden. Wie beide Ereignisse letztendlich zusammenhängen, vermag er allerdings nicht klar darzustellen. Das Projekt scheitert später am übermäßigem Kräuterkonsum des Konstrukteurs und der Tatsache, dass zwei wichtige Komponenten der Maschine – der Nollerbatzen und der nukleare Doppelkamsel – erst im Jahr 2567 nach Christus von einer gurkenartigen Rasse im Fumpen-Nebel nahe der Andromeda-Galaxie erfunden werden. Mein Nachbar nimmt’s gelassen. „Was soll’s?“ kräht er tequilaseelig. „Denn spiel’n wa eben Scrabble, oder?“ Was noch? Oh, in China platzt ein Sack Reis und irgendwas ist mit Griechenland.

März: Facebook mausert sich in den folgenden Wochen von einer Basis für volltrunkene und halbnackte Teenager zu einem Forum kompetenter politischer Diskussion auf höchstem Niveau. So wirft „BraunSau33“ die Frage auf, wann die amtierende Regierung, „die da wo soviel Scheiße bauen tut“ endlich gewaltsam abgesetzt wird. Unterstützung erhält er dabei von „NatSoz45“ und „Addi88“, die beide ebenfalls zum Umsturz aufrufen und zudem fordern, dass es Flüchtlingen nicht erlaubt sein dürfe, achtjährige Mädchen lebendig zu verzehren, wie es auf Facebook zuvor zu lesen war. Die US-Geheimdienste stellen daraufhin ihre Abhöraktionen in Deutschland ein und schneiden stattdessen den Comedy Channel mit.

April: Barak Obamas Gesundheitsreform schlägt voll durch. Wer keine Krankenversicherung hat, wird künftig mit zehn Stockhieben auf die Fußsohlen bestraft und nackt durch die Straßen getrieben. Einziger Gewinner sind die Krankenkassen, die ihr Programm auf Billigpillen umstellen, die nicht mal Hamstern helfen und sogenannte neuartige Präventionsprogramme. „Einfach nicht krank werden“, schlägt zum Beispiel meine Kasse vor. „Und wenn doch, einfach in ein abgelegenes Waldstück gehen und leise sterben“. Dies zeigt bereits Mitte des Monats Wirkung. An US-Gerichten steigt die Zahl der Prozesse wegen Mordes an Versicherungsangestellten sprunghaft an. In allen Fällen werden die Täter freigesprochen und als Helden und Wohltäter des Landes gefeiert. Und in Turkmenistan zuckt ein einheimischer Zwiebelfarmer leicht mit dem Mundwinkel.

Mai: Memorial Day ist der offizielle Beginn der Sommerferien. Eltern schnappen sich ihre Blagen und verschiffen sie in Ferienlager. Nur weg, nur weg! Manche der Kleinen sind deshalb superfreundlich, damit sie nicht in die harten Lager müssen. Ein Junge aus der Nachbarschaft beginnt zum Beispiel damit, uns Eistee und Gebäck zu servieren. Einfach so! Wir finden allerdings später heraus, dass der Kleine von seinen Eltern für das Sommerlager des United States Marine Corps vorgemerkt war. Es wird in diesem Jahr in Afghanistan abgehalten, mit geplanten Ausflügen nach Nordkorea und in den Iran. „Hört sich doch gar nicht so schlecht an“, sagt mein Nachbar, während wir an unseren Kräuterzigaretten saugen. „Find’ ich auch“, erwidere ich. Dann sehen wir uns an, lachen hämisch meckernd und warten auf die Bimmelbahn. Und irgendwo in Afrika kichert eine Hyäne.

Einen Jahresrückblick gibt Andreas Kraatz - Foto: AK

Auch Enkelin Brookie hatte Probleme im Jahr 2015 – Foto: AK

Juni: Enkelin Brookie berichtet mit, dass ihre Lehrerin sie hasst und unterdrückt. „Was macht sie denn?“ fragte ich besorgt und polierte schon mal den Baseballschläger. Seit wir den haben, bringt der Postbote übrigens keine Rechnungen mehr. Oder diesen Werbemüll. Sehr praktisch. Was nun passiert sei, will ich wissen. „Ich muss andauernd lernen und lesen“, sagt meine Enkelin mit todernstem Gesicht. „Und Rechnen muss ich auch. Das ist so gemein! Und immer wenn ich nichts weiß, krieg’ ich `ne Sechs!“ Sie ist wirklich sauer. „Sind ja nur noch zehn Jahre“, tröstete ich sie und stelle den Baseballschläger wieder beiseite. „Danach kannste machen, was Du willst.“ „Echt wahr?“ schnieft sie. „Echt wahr“, antwortete ich und sehe sie bereits bei McDonalds Tische abwischen. „Na denn ist ja gut“, sagt die Kleine und rennt davon, um ihre Freundin zu besuchen. Mit Neun ist das Leben eben noch um ein Vielfaches einfacher. In den Anden kullert eine Mutter den Berg runter.

Juli: Irgendwas war mit Griechenland. War das nicht der Platz, an dem Ingo Insterburg die Liebe am Schönsten beim Kriechen fand? Oder war das mal wieder was mit Geld. Andauernd reden die Leute vom Grexit, was sich ja auch irgendwie anhört wie „Drecksack“ und die Griechen echt nervt. Amerikanische Finanzexperten bescheinigen der EU daraufhin komplette Kompetenzlosigkeit, was besonders die deutsche Regierung trifft, ist sie doch nach eigener Ansicht total toffte, immer gut drauf und voll dabei. Die Griechen beschließen erstmal, nix zurückzuzahlen und zeigen Mama Merkel den Stinkefinger. Nur die brutale Drohung, bei Nichteinhaltung der Verträge Costa Cordalis nach Athen auszuweisen, bringt die Wende. „Dann lieber keine Rente“, sagt uns Achilles Bratensos, Busfahrer aus Knossos. Und in Argentinien kommt ein Eselskarren vom Weg ab.

August: Eine Hitzewelle in den amerikanischen Südstaaten sorgt dafür, dass niemand mehr arbeitet. Stattdessen sitzen mein Nachbar und ich vor dem Haus und sehen zu, wie auf dem Parkplatz vor unserem Haus ein Smart schmilzt. Der Besitzer kann gerade noch entkommen. Wir applaudieren der Situation angemessen und johlen laut. Es ist aber auch heiß. Meine Shorts aus Polyester brennen sich beim Sitzen auf der Treppe im Schritt fest und müssen operativ entfernt werden. Ganz im Gegensatz dazu knarrt vor der Küste von Island ein Eisberg.

September: In Chicago finden die Weltmeisterschaften im SCRABBLE statt. Das Finale bestreiten der Norweger Fjordbörk „Triple Wert“ Rassmussen und der Amerikaner Tom „No Letter left behind“ Schmitz. Nach mehreren Stunden liegt Rassmussen mit einer Wortkombination aus Flantenbammer, Kuchenporno und Wollknorpel vorn. Schmitz versucht einen Konter, scheitert aber mit Basiskorken, Molchpudding und Forellenperücke an der Mindestpunktzahl. Der Verlierer gibt sich fair: „Wenn wir uns nächstes Jahr in Pimsel an der Knatter treffen, werde ich es dem rezumpigen Knubber schon zeigen. Gegen Lattenbär und Kaffeehose hat er nichts aufzubieten.“ Und in den internationalen News: Auf dem Dorfteich von Quakenbrück schwimmt ein Wurstbrot.

Oktober: Das politische Chaos in Deutschland wird so groß, das amerikanische Experten davon ausgehen, dass die Bundesregierung entweder aus Moskau ferngesteuert wird oder sich dem islamistischen Jihad angeschlossen hat. Als Beweise führt Washington den ungewöhnlichen Umgang Berlins mit Flüchtlingen aus aller Welt und das sogenannte „Thesenpapier 1989“ an. Darin legt die Parteiführung der DDR fest, wann und wie eine fünfte Kolonne aus Stasi, NVA, Konsum und HO-Läden die Bundesrepublik vernichten soll. Weltweit verstärken Aluhut-Träger daraufhin ihre Kopfbedeckungen und hoffen das Beste. Im malayischen Dschungel trompetet ein Elefant.

Shopping ist jetzt in - Foto: AK

Viel ist geschehen in den USA, kritisch bewertet von Andreas Kraatz – Foto: AK

November: In den USA tobt, vom Rest der Welt weitgehend ignoriert, der Vorwahlkampf um den Posten des Präsidenten. Dabei bestimmen Demokraten und Republikaner, wen sie auf den Thron in Washington heben wollen. Aussichtsreichster Kandidat der Konservativen ist der Milliardär Donald Trump. Er hat eine lustige Frisur und sagt, was er denkt. Die Republikaner würden ihn deshalb gern wieder loswerden, aber dann würden die Demokraten gewinnen. Im dortigen Lager bricht deshalb Panik aus, da niemand weiß, was sie bei einem Wahlsieg machen sollen. Das Parlament beschließt daraufhin die Rückkehr zur Monarchie. In Norwegenspringt ein Lachs den Bach hoch.

Dezember: Alles, aber auch wirklich alles, ist von nun an mit der Disney-Produktion von „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ verknüpft. Alle US-Bürger sind per Gesetz verpflichtet, während des Tages Kostüme aus dem Film zu tragen. Die Grammatik der englischen Sprache wird soweit verändert, dass sich alle Menschen wie Jedi Yoda anhören. Höhepunkt der Vermarktung: Extra verstärktes Toilettenpapier der Marke „Todesstern“ und eine Verdauungshilfe namens „Leia Relax“ mit großem „Star Wars“ Poster. Kritiker des Hypes, unter anderem George Lucas und Angela Merkel, finden dies „Scheiße“. Und in Nordkorea wird eine Mädchenband gegründet.

Und das war er auch schon, mein ganz persönlicher Rückblick auf das Jahr 2015. War ja mal wieder ganz schön was los, oder? Na, warten wir mal ab, was noch kommt. It ain’t over till the fat Lady sings, sagen sie hier. Wer diese Fat Lady aber ist, lassen sie offen.

Diese und weitere Geschichten gibt es wie immer auf dem Blog “Rock Bottom” von Andreas Kraatz direkt zum Anhören.

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