Als Deutscher in den USA

14. Dezember 2015 @

Heute: Berühmt

Mein Nachbar und ich haben uns vorgenommen, berühmt zu werden. Wird ja heutzutage jeder, kann also nicht so schwer sein.

„Nimm‘ mal die Typen, die bei Big Brother abhängen“, sagt mein Nachbar und zieht an einer Kräuterzigarette, bis seine Haare anfangen zu knistern. „Die sitzen da rum, labern den größten Mist, und wenn der Zuschauer Schwein hat, treiben’s zwei von denen wie südbalinesische Erdferkel. Aber das isses dann auch schon. Trotzdem gucken das jedes Mal Millionen. Und alles, was diese Vögel beruflich machen, ist Kaffee anrühren oder Burger braten.“ Oder sie sind „Trainer“ für irgendwas. „Gummitwist tanzen, oder so.“

Irgendwann zogen dann auch die Wölkchen vorbei - Foto: AK

Irgendwann zogen dann auch die Wölkchen vorbei – Foto: AK

„Life Coach“, werfe ich ein, ziehe an der Kräuterkippe und sehe zu, wie die Bimmelbahn vorüberzieht. „Life Coach, soso“, wiederholt mein Nachbar gewichtig. „Aber nur für die Stars. Diese ganzen Models, Stars und Internetpersönlichkeiten haben doch keinen Schimmer von nix. Die brauchen guidance.“

Sie haben sicher schon gemerkt, dass Life Coaching Profis wie mein Nachbar gern Fachausdrücke benutzen, sowas wie „guidance“ eben. Oder „channeling“. Legen Sie ruhig nach. Ihre Erklärung ist so gut wie meine. Keine Sau weiß, was das bedeutet.

Während also die Bahn so vorbei bimmelt, lehne ich mich zurück und zähle die Wölkchen am Himmel. „Wir könnten auch Wissenschaftler werden“, sage ich. „Geht nicht“, sagt mein Nachbar. „Keine Qualifikation“. „Brauchste auch nicht“, beruhige ich ihn. „Ich sage nur Genderforschung.“

Mein Nachbar denkt einen Moment lang nach. „Das sind doch die, die behaupten, es gäbe keine Männer und Frauen, sondern nur soziale Zwangsvorgaben, oder?“ „So ähnlich“, bestätige ich. „Bei uns in Deutschland haben sie schon fast die Macht übernommen.“

„Wir müssen also nur noch ein paar Schwachköpfe finden, die den Krempel auch glauben“, sagt mein Nachbar. Ich stehe leicht schwankend auf und sage: „Very well, ich buche schon mal einen Flug nach Hollywood.“ Wenig später sind wir reisefertig. Meiner Frau erzähle ich, ich ginge mal eben kurz Milch kaufen. Das sollte eigentlich reichen. Ich war mal zwei Jahre Söldner in Kiribati. Damals war ich „nur mal kurz Kippen holen“. Das hat auch prima geklappt.

Mein Nachbar steht wenig später in einer langen, wallenden Robe und passendem Spitzhut vor der Tür. Er sieht aus wie eine schlecht rasierte Operndiva. Bevor ich etwas sagen kann, winkt er ab. „Auf diesen Harry Potter Kram stehen die in Kalifornien, glaub‘ mir. Wirst schon sehen, die versammeln sich bereits singend und tanzend am Flughafen.“

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast, einfach auf's Bild klicken - Foto: AK

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast, einfach auf’s Bild klicken – Foto: AK

Bis nach Los Angeles kommen wir dann aber doch nicht, eigentlich nicht mal bis zur nächsten Straßenecke. Auf dem Weg zum Auto rennen wir nämlich in einen Vertreter des hiesigen „Sheriff’s Office“. „Wer von ihnen ist Enrique Padulski?“ fragt uns der Polizist. „Ich“, sagt mein Nachbar. Der Beamte händigt ihm ein Papier aus. „Gerichtstermin ist in drei Wochen“, sagt er noch und geht.

„Padulski?“ frage ich grinsend. Mein Nachbar zuckt nur mit den Schultern. „Mein Vater war aus Polen, na und? Den anderen Namen benutze ich nur in Filmen. Klingt besser.“ „Du hast doch noch nie …“, setze ich an, aber er würgt mich sofort ab. „Deep Throat, 2. Szene, der Typ, der auf den Bus wartet. Das war ich.“

Was sollte ich jetzt machen? Mich entblöden und sagen: „Jawohl, Senior Cojones, ich habe ihre Pornos geguckt? Sogar mehrfach, damit mir der Idiot, der auf den Bus wartet, ja nicht entgeht?“ Nee, nee, die Blöße wollte ich mir nun doch nicht geben. Jugendsünden. „Keine Ahnung, wovon Du sprichst, mein Bester“, sage ich stattdessen fröhlicher quiekend als mir lieb ist. „Dann biste ja schon berühmt.“

„Genau so ist das, Pendejo“, erwidert mein Nachbar. „Und jetzt lass’ mal sehen, was die hier wollen.“ Er entfaltet das Papier umständlich und liest. „Dachte ich mir“, sagt er schließlich. „Die sagen, ich hätte ihnen anstelle von Tequila nur Spülwasser angedreht.“ „Den Unterschied merkt doch keiner“, bemerke ich. „Eben, hab‘ ich ja auch gedacht, besonders weil das Zeug ja nach Deutschland …“

„Ach, wegen der VW Sache?“, schnitt ich ihn ab. „Jetzt glauben alle, wir sind doof, oder?“ Mich beginnt heiliger Zorn zu übermannen. Naja, so’n bisschen wenigstens. Und wer Tequila trinkt ist schließlich selbst schuld.

„Naja, ich hätte vielleicht nettere Worte – aber, ja, grundsätzlich, äh, ja“, stammelt der unverschämte Geselle unbestimmt mexikanisch-polnischer Herkunft. „So, und was jetzt?“ will ich wissen, „Hollywood ist ja wohl gestorben.“ „Ja, leider“, bestätigt mein Nachbar. „Hm. Willste ‚Deep Throat‘ gucken?“ Von mir aus. Dann weiß ich wenigstens mal, wo da der Bus hält.

Diese und weitere Geschichten gibt es wie immer auf dem Blog “Rock Bottom” von Andreas Kraatz direkt zum Anhören.

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