Als Deutscher in den USA

31. Oktober 2015 @

Heute: Halloween ist da!

Es ist mal wieder soweit: Die Holiday Season 2015 steht vor der Tür und scharrt mit den Hufen und mit ihr der erste Hit der Saison: Halloween or All Saints Day. Es ist fast so, als würden meine Gastgeber plötzlich komplett den Verstand verlieren und ihr Gehirn an der Kasse abgeben. Beteiligt sind alle Altersgruppen, vom Kleinkind bis zum Rentner, von männlich bis weiblich und weit darüber hinaus. Urplötzlich und unkontrolliert breitet sich dieser Virus aus, aber ganz im Gegensatz zu anderen Infektionskrankheiten haben alle Erkrankten einen Heidenspaß dabei.

Halloween wird in speziellen Gruselhäusern gefeiert - Foto: AK

Halloween wird in speziellen Gruselhäusern gefeiert – Foto: AK

„Halloween, Baby!“ schreit ein riesiger Hamster vor meiner Wohnungstür und schwingt dabei eine Fred Feuerstein Keule aus Styropor, die laut quietscht, wenn sie auf irgendwas trifft – meine Stirn zum Beispiel, als ich die Tür öffne. Der Hamster schraubt seinen Kopf ab und grinst. Aha, mein Nachbar, wer sonst. „Streich oder Gabe!“ schreit er mich heiser an. Das ist hier so Tradition. Meist aber rufen das verkleidete Kinder und kriegen dann Bonbons oder Schokolade und nicht übergewichtige Nager im vorgezogenen Rentenalter. Oh, wer bei „trick or treat“ nichts gibt, wird übrigens mit Eiern oder Toilettenpapier beworfen. Kleiner Insider-Tip am Rande: Versuchen Sie bloß nicht, Kinder aus herumfahrenden Mini-Vans mit Schokolade zu füttern. Sowas kommt hier gar nicht gut an, Halloween oder nicht.

„Was liegt an, Speedy Gonzales“, frage ich also meinen Nachbarn gut gelaunt und ziehe an der Kräuterzigarette, die er mir hinhält. „Ich bin Hamster Fiedel, du Kanonenschlag, und Du brauchst ein Kostüm“, stellt er fest. „Wir machen das hier ja schließlich nicht zum Spaß. Das Leben ist keine Einhornfarm.“ „Genau, wo kämen wir da hin“, stimme ich zu. „Und an was haste gedacht?“ „Wir gehen zu Party City und suchen Dir was aus“, beschließt mein Nachbar. Party City ist eine landesweit operierende Kette von Läden, die nichts weiter als Partyhüte und Konfetti verkaufen. Für jeden Halloween Fan ist es schlichtweg das Paradies.

„Wie wär’s mit Batman?“ frage ich und fummle an so einem Kostüm mit spitzen Ohren herum. „Kannst Du mit dem Kopf nach unten von einem Kamin hängen?“ fragt mein Nachbar. „Nö“, gebe ich zu. „Siehste“, antwortet mein Nachbar. „Konnte der Typ auf YouTube auch nicht.“ Dann grabscht er irgendwas und hält es mir hin. „Französisches Dienstmädchen“, sage ich zweifelnd, „machen wir einen Porno?“ Ich entscheide mich schließlich für die amerikanische Interpretation eines wilden Germanen und fühle mich wie in einem Monty Python Sketch. Ich lasse meine Styroporkeule probeweise auf das Haupt meines Nachbarn niedersausen. Es klingt hohl. „Ich fänd‘ Psychoclowns aber geiler“, quengle ich. „Die sind zur Zeit total in.“ „Nee, lass‘ man“, winkt mein Nachbar ab. „Da denken die Leute noch, Du wärst Politiker und verhauen Dich.“ Schon möglich. Also schön, dann eben Germane. Einen Moment lang erwäge ich, doch lieber als französisches Zimmermädchen zu gehen, überlasse das dann aber doch lieber meiner Frau. Irgendwie sehe ich in High Heels und Minirock nicht gut aus. Keine Ahnung, woran das liegt. Wir zahlen also für meinen Germanen und stehen etwas unschlüssig auf dem Parkplatz herum.

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast, einfach auf's Bild klicken - Foto: AK

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast, einfach auf’s Bild klicken – Foto: AK

„Und jetzt?“ frage ich. „Horror Haus“, sagt mein Nachbar. Das ist auch so eine amerikanische Tradition. Immer zu Halloween schießen die Dinger wie Giftpilze aus dem Boden. Sie sind so eine Art Geisterbahn ohne Schienen und würden in Deutschland allesamt wegen Gewalt, Aufforderung zum Umsturz und Vorbereitung eines Angriffskrieges sofort geschlossen. Gemanagt werden diese Gruselhäuser übrigens alle von echten Serienkillern oder pensionierten Verfassungsrichtern. Und in den meist direkt daneben liegenden Maisfeldlabyrinthen türmen sich nach einer Weile die Skelette derjenigen, die nicht mehr raus gefunden haben.

Wir suchen ein bisschen herum und finden schließlich „Die Grabstätten des kriechenden Chaos“ mit Zombies, Monstern und mutierten Playmates. Als besondere Attraktion preisen die „Grabstätten“ einen echten Finanzbeamten an, der einem das Blut aussaugt, wenn man ihm zu nahe kommt. „Ich mache mir vor Angst jetzt schon fast in die Hose“, freut sich mein Hamster Nachbar. „Da gehen wir hin.“

Was wir vorfinden, ist eher bescheiden und weder „kriechend“ noch „chaotisch“. In einer Gruft liegen ein paar lustlose Gestalten in Pappsärgen herum und stöhnen unmotiviert. „Ist ja wie bei mir zuhause“, beschwert sich mein Nachbar. „Dafür muss ich keine 20 Dollar berappen.“ Als ein Mann mit einer Kettensäge aus Pappmaschee auf ihn zustürzt, streckt er ihn mit einem gezielten Hieb seiner Quietschkeule nieder. Ein Werwolf und ein wahnsinniger Wissenschaftler suchen daraufhin flugs das Weite.

Der Eintrittspreis bleibt der einzige Schrecken des Abends, wenn man mal von der Horde Cheerleadern absieht, die laut kreischend vor einem wenigstens halbwegs chaotisch kriechenden Zombie flüchten. Aus dem Maisfeld sind auch alle wieder entkommen, obwohl ja dort gehirnsaugende Würmer auf sie warten sollten. Gab wohl nicht so viel zu saugen.

Ich persönlich bevorzuge Teenager ja frisch aus dem Käfig, leicht angebraten im Reisrand mit Champignonsauce, aber wie gesagt, das bin ich. Die Geschmäcker sind ja bei jedem verschieden. Und wenn man im eigenen Foltergewölbe nicht alles selbst macht, wird’s sowieso nie so richtig wie bei Muttern. In diesem Sinne: Happy Halloween!

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