Als Deutscher in den USA

10. September 2015 @

Heute: Wahlkampf

Hier drüben steppt mal wieder der Bär, tanzt der Papst im Kettenhemd und die Politiker schwätzen keinen Unsinn mehr. Wie? Oh, äh, naja, den letzten Halbsatz vergessen Sie mal schnell wieder, den habe ich nämlich erfunden. Laut Anhang 1 zur US-Verfassung dürfen die das. Ich sage nur „Free Speech“. Dazu gehört eben auch Blödsinn labern.

Kann ich ganz gut mit leben, wenn’s nicht gar zu wüst wird. Das könnte allerdings passieren, denn hier tobt mal wieder der Vorwahlkampf, und das bedeutet Hauen und Stechen, und zwar jeder gegen jeden. Zuerst bestimmen nämlich die Parteien intern ihre Kandidaten, bevor dann die Sieger aus diesen Vorrundenkämpfen schließlich 2016 aufeinander losgelassen werden. Bis dahin ist freie Wahl der Waffen.

Im Schaukelstuhl auf der Veranda - und die Primaries beobachten - Foto: AK

Im Schaukelstuhl auf der Veranda – und die Primaries beobachten – Foto: AK

Man könnte allerdings schon jetzt den Eindruck haben, wir hätten es mit Absolventen der Clown-Schule Stade zu tun. Demokraten-Schwergewicht Hillary Clinton ist ja bereits damit aufgefallen, dass Dienstmails über ihr privates E-Mailkonto gelaufen sind. Der Sicherheitsfuzzi im demokratischen Hauptquartier weint angeblich immer noch.

Manche dieser Mails waren ja eher peinlich. So wollte sie von einem ihrer Assistenten wissen, ob sie die Batterie ihres iPad aufladen müsse, wenn sie leer sei, und falls ja, wie. Vielleicht bin ich ja altmodisch, aber von einer Kandidatin für den Job des US-Präsidenten erwarte ich, dass sie weiß, wo sie das Kabel einstöpselt. Notfalls, und hier löse ich schon mal vorsorglich Sexismus-Alarm aus, also, notfalls hätte sie ja auch ihren Mann fragen können. Der hat mit dem Einstöpseln ja so seine „Erfahrung“. Aber immerhin hat sie sich entschuldigt. Sowas kommt ja hier immer gut an.

Die Republikaner lassen sich im Übrigen in punkto Exzentrik auch nicht gerade lumpen. Dort sorgt derzeit der Milliardär Donald Trump für Unruhe in der eher farblosen Kandidatengruppe. Trump hat sein Geld mit Immobilien gemacht, alles verloren und wieder angehäuft; er liebt Frauen aus dem Ostblock, war geschieden und hat wieder geheiratet, hatte eine eigene Fernsehshow und obendrauf noch ein verdammt großes Maul. Ein durchaus barocker Charakter also, charming und volksnah und mit Themen präsent, die das Unter- und Mittelschichtamerika bewegen. Aus dem Holz schnitzt man sonst Demagogen wie seinerzeit Franz Josef Strauß, Gott hab‘ ihn selig.

Von den anderen Kandidaten sieht und hört man nichts oder sagen wir mal: Wenig. Jeb Bush, Bruder von Dabbeljuh, seines Zeichens ehemaliger Gouverneur von Florida und ebenfalls Kandidat für das Weiße Haus, hat einen kläglichen Versuch gestartet, Donald Trump aus den Käse zu pumpen und ihm öffentlich vorgeworfen, kein Konservativer zu sein – allerdings auf Spanisch.

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast, einfach auf's Bild klicken - Foto: AK

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast, einfach auf’s Bild klicken – Foto: AK

Warum Spanisch, fragen Sie? Keine Sorge, Sie sind nicht allein. Der Rest Amerikas wunderte sich das auch. Plötzlich trat auch noch Sarah Palin, ehemalige Teilzeitgouvernante von Alaska, auf, forderte kategorisch, Einwanderer müssten „Amerikanisch“ sprechen, als würde Englisch plötzlich nicht mehr ausreichen und wurde dafür von allen gebührend ignoriert.

Vielleicht wollte Jeb Bush ja nur damit angeben, was er online bei Rosetta Stone gelernt hatte. Er wird sich vom ganz alten Busch schon was angehört haben. Wenn es allerdings nicht all diese kleinen Geschichten am Rande geben würde, wäre der Vorwahlkampf eigentlich brunzöde. Naja, noch ist ja viel Zeit für jede Menge Scharaden und Verbalinjurien, für die man anderswo ein Jahr Knast ohne Bewährung kriegt.

Mich persönlich ficht das alles nicht so sehr an, ich darf ja nicht wählen. Dafür kann ich mich zurücklehnen und entspannt zusehen, wie der Zirkus die Hauptstraße hinunterzieht. Politik findet eben immer auf Kleinstadtniveau statt, selbst in Washington.

Und ich? Ich sitze im Schaukelstuhl vor dem Haus, sehe mir das an, kaue an einem Grashalm und warte bis meine Frau rauskommt und mir sagt, dass ich mit dem Mist aufhören soll.

Diese und weitere Geschichten gibt es wie immer auf dem Blog “Rock Bottom” von Andreas Kraatz direkt zum Anhören.

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