Als Deutscher in den USA

4. August 2015 @

Heute: Amerikanisch

Hier streiten sich ja zur Zeit immer noch ein Haufen Leute darüber, ob die Flagge der untergegangenen Südstaaten irgendwo wehen darf oder nicht. Die Protagonisten beider Seiten, ob nun Schwarz oder Weiß – obwohl hier auch Rot oder Grün stehen könnte – schenken sich nichts.

Das Ganze kommt daher wie eine real life Facebook Diskussion: Unsachlich, unberührt von Fakten, laut und (meist) grammatisch höchst fragwürdig. Verschiedene Aktivisten haben sich inzwischen sogar zu der (irrigen) Annahme hinreißen lassen, es sei faktisch unmöglich, dass Schwarze rassistisch sein könnten. Es ist an dieser Stelle Dank an Kid Rock zu richten. Der Musiker, der sich gern mal in Nashvilles Kneipen mit Einheimischen haut, hat dem farbigen Aktivisten Al Sharpton vorgeschlagen, er könne ihn, Kid Rock, wegen der laufenden rebel flag Diskussion mal gepflegt am, na, Sie wissen schon, küssen. Sie sehen, wir brauchen hier also gar keinen Grexit, um Spaß zu haben. Die Amerikaner sind sich wie so oft selbst genug. Mal sehen, wie das jetzt weiter geht.

Als Deutscher in den USA

Neues aus den USA von Andreas Kraatz – Foto: Gerd Altmann/Pixelio.de

Es gibt in South Carolina ja so einen Nationalpark, da hat ein Künstler vier berühmte konföderierte Generäle in Felsgestein gehauen: Lee, Longstreet, „Stonewall“ Jackson und noch einer, dessen Namen ich vergessen habe. Sind ja auch schon eine Weile abgeritten zu ihren Ahnen, die Guten. Drumherum um das Monument wehen Südstaatenflaggen lustig im Wind und das Ganze ist eine Riesenattraktion für Touristen. So. Das ist den hiesigen Gutmenschen natürlich ein Dorn im Auge. Ihre Idee: Sprengen. Und natürlich weg mit den Fahnen. Wo kämen wir sonst hin.

Sowas Ähnliches haben übrigens zuletzt die Taliban mit den Buddha-Statuen in Bamian in Afghanistan versucht. Der Park in South Carolina hatte übrigens noch nie so viele Besucher zu verzeichnen wie in den letzten Wochen. Die Betreiber sind den Protestlern schon fast dankbar.

Ansonsten ist wie überall Sommerloch. Die Konservativen hassen die Demokraten, die Demokraten hassen sich selbst, und die verschiedenen ethnisch motivierten Interessengruppen hassen alle auf einmal. Da war es dann ja schon fast erfreulich, dass ein hiesiges Institut sich der fast unlösbaren Aufgabe verschrieben hat, den amerikanischsten aller US-Bundesstaaten zu küren. Nach langer Suche und intensiver Eva – Elva – Alu, äh, Auswertung gab ein Sprecher vor Kurzem das Ergebnis bekannt: Es ist Iowa.

Ja, Sie haben richtig gehört: Iowa. Nicht Texas, wie Sie und ich vielleicht gedacht hätten, sondern Iowa. Ich weiß nicht mal, ob es einen Staat dieses Namens überhaupt gibt. Kalifornien wäre auch möglich gewesen. Oder Arizona, wo die ganzen Western spielen. Der Grund, warum gerade Iowa den Zuschlag bekommen hat: Der Staat hat eine florierende Produktion von Frühstücksspeck und ist der Geburtsort der meisten US-Astronauten.

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast.  Auf's Foto klicken - Foto: AK

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast. Auf’s Foto klicken – Foto: AK

Ich habe ja langsam das Gefühl, die Studie ist vom Gouverneur von Iowa in Auftrag gegeben und massiv finanziert worden. Ich meine, warum Iowa und nicht, sagen wir mal, Tennessee? Wir haben hier auch Frühstücksspeck. Astronauten weiß ich nicht, aber in den Oak Rich Mountains haben sie immerhin an der Atombombe gebastelt. Außerdem haben wir die Country-Musik erfunden. Das sollte ja wohl reichen.

Tennessee ist außerdem auch noch der „Volunteer State“, weil die Einheimischen sich in der fernen und nahen Vergangenheit an wirklich jedem Scheiß freiwillig beteiligt haben, den Washington so drauf hatte – sei es nun das große Gurkenschieben von 1812 oder das nationale Autoreifenaufblasen von 1931, das ja noch von Präsident Roosevelt initiiert worden war, um den Verkauf von Südfrüchten zu regulieren.

Wenn Sie mich fragen, sollte das eigentlich reichen. Wir haben zudem die höchste Anzahl von komplett irren Individuen, die legal dazu berechtigt sind, Auto zu fahren oder bei Walmart einzukaufen. Meine Tochter kennt die höchste Anzahl von jungen Menschen, deren Körper durch Tätowierungen oder andere Dschungelkunst verunstaltet sind. Die meisten von ihnen wissen zwar nicht, wie man seine Hosen hochzieht oder eine Baseballmütze richtig rum aufsetzt, aber das ist ja heutzutage völlig normal. Auch ihre Verwendung des Englischen ist bisweilen fragwürdig und ich rede hier nicht von den Immigranten, die aus aller Welt in die USA kommen, sondern vom „average teenager“ aus Tennessee.

Aber der Staat ist auch die Geburtsstätte von John Lyndon Butterworth und Ceraphina Bullock, die 1796 beide fast zeitgleich die aufblasbare Erdnuss erfunden haben. Anthony Tubbs entwickelte hier 1903 die leere Brieftasche, für die er in Chattanooga heute noch gefeiert wird. Berühmte und beliebte Sportarten nahmen hier ihren Anfang, wie Rollschuhgolf und Stelzen-Scrabble.

Und für rund 65 Jahre hielt Burt „Fuzzy“ Tisdale aus Goodletsville in Tennessee den Rekord im Zahnstocher schnitzen, als es ihm gelang, aus einer Hickory-Eiche gleich zwei Stocher zu schlagen.

Oh, Verzeihung, was sagten Sie gerade? Das sei ja alles kompletter Schwachsinn? Stimmt, aber das ist der Aufstand um die konföderierte Fahne ja auch. Oder was da mit Griechenland passiert. Grexit, meine Herren. Ich geh’ jetzt erstmal Luftballons pflanzen. Die essen sie hier nämlich gern zum Nachtisch. Mit frischem Pomsel garniert. Der wird aus den Augenbrauen von Waschbären gemacht … schon gut, schon gut, ich hör’ jetzt auf. In diesem Sinne: Bis zum nächsten Mal.

Diese und weitere Geschichten gibt es wie immer auf dem Blog “Rock Bottom” von Andreas Kraatz direkt zum Anhören.

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