Als Deutscher in den USA

4. Juni 2015 @

Heute: Gitarrensoli

„Mit Gitarrensolos kannst Du mich jagen“, sagt meine Frau und dreht Ted Nugent leiser. „Wenn Du mich fragst – die sollten sie alle rausschneiden. Braucht kein Mensch.“ „Soli“, sage ich etwas zu gedehnt. „Der Plural von Solo ist Soli.“ „So?“ antwortet meine Frau leicht unterkühlt und setzt nach: „Den Besserwisser hat übrigens keiner lieb.“ „Gitarrensoli sind geil“, insistiere ich und ignoriere ihren vorwurfsvollen Blick. „Ted Nugent zupft einfach ’ne geile Klampfe und Eric Clapton – total supi!“

Als Deutscher in den USA

Neues aus den USA von Andreas Kraatz – Foto: Gerd Altmann/Pixelio.de

Ach ja, die ollen Siebziger. Was sind wir da in die Konzerte gerannt. Kein Wunder, dass ich halb taub bin. Außerdem konnte man die Tickets noch bezahlen. Ich war mal bei einem Open Air in Nürnberg mit 15 Bands und hab‘ dafür nur 35 Mark hinblättern müssen, Busfahrt inklusive. Heul doch, sagt meine innere Stimme. Sie weiß immer am besten, wie ich mich fühle und eigentlich hat sie ja recht. Aber trotzdem: Früher war alles besser. Nur, falls Sie sich jetzt fragen sollten: Nein, ich renne nicht mehr auf jedes Konzert zum Abzappeln und Headbangen, da machen meine Kniegelenke leider nicht mehr mit.

Die alten Bands, die noch gute Musik gemacht haben, sind ja hier interessanterweise immer noch unterwegs, sogar mehr oder weniger vollständig. Boston hat inzwischen seinen Originalsänger verloren, die Ramones nennen sich mittlerweile The Remains, weil der grimme Schnitter den Rest der Band erledigt hat, und so manch andere musikalische Größe hört den Zahn der Zeit auch schon bedenklich laut nagen. Und dann gibt’s noch die Bands, von denen nur noch der Name ans Original erinnert. Und die Gründungsmitglieder? Naja, was weiß ich – gekündigt, gefeuert, Knast, Drogen, Apfelsaft: Die ganze Palette eben. Oder man ist einfach Ted Nugent.

Völlig unbehelligt von Zeit und Raum sind offenbar nur die Rolling Stones geblieben. Mick Jagger und Keith Richard sind ja jetzt auch schon jeder für sich etwa 150 Jahre alt, können aber immerhin mit Gehhilfe noch ganz gut aufrecht stehen. Im Juni sind sie in Nashville. Die Karten kosten bestimmt 200 Dollar. Soviel Geld für vier oder fünf Rentner muss ja nun doch nicht sein. Ich finanzier‘ denen doch nicht die Salbe für ihr Gelenkrheuma.

„Da mach‘ ich lieber selbst Musik“, sagt mein Nachbar und klampft irgendwas Mexikanisches auf seiner gigantischen Mariachi–Gitarre. Beflügelt von seinem Kräuterstängel beginnt er unglücklicherweise auch noch zu singen. „Ayyyy, Mama, ich bin so unglücklich!“ schreit er die Baumreihe auf der gegenüberliegenden Wiese an. Dort versuchen daraufhin mehrere wilde Truthähne, der Soundattacke zu entkommen. Vergeblich. Ich wünsche mir einen Moment lang, mein Nachbar wäre der Originalsänger von Boston. Oder zumindest der der Ramones.

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast.  - Foto: AK

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast. – Foto: AK

„In der Bodega der Liebe trinkt man den Tequila der Leidenschaft“, jault mein Nachbar jetzt. Besser hätte das auch Jürgen Markus, der alte Headbanger, nicht gekonnt. Was aus dem wohl geworden ist? Hebt wahrscheinlich einen mit Jimi Hendrix; Altrocker unter sich. Mein Nachbar wird inzwischen von unserem Logiergast, einem wolligen Hund mit Schlappohren, unterstützt. Die beiden sitzen auf der Treppe und heulen zum Gotterbarmen. Ich erkenne erst nach einer Weile, welchen Song sie da beide verwursten: Werewolves of London. Warren Zevon. Auch so ein verkanntes künstlerisches Genie.

Aber ich wollte zum Schluss ja nochmal kurz auf die Sache mit den Gitarrensoli eingehen. Ich verbinde damit immer eine etwas bizarre Geschichte, die ich vor einigen Jahren mal bei einem ziemlich großen Radiosender in München erlebt habe. Der dortige Musikchef war der gleichen Meinung wie meine Frau und zudem in führender Position und gab daher Anweisung, aus allen Songs die Soli rauszuschnippeln. Ich weiß allerdings nicht, ob diese Titanenaufgabe jemals abgeschlossen worden ist, denn so ein ziemlich großer, landesweit operierender Sender hat ja üblicherweise mehr als zehn Lieder auf CD.

Die Geschichte jedenfalls wird heute noch gern Besuchern oder neuen Mitarbeitern erzählt. Und jenem Musikchef aus München ist etwas gelungen, dass nur wenigen Menschen vergönnt ist: Er ist praktisch unsterblich geworden und das alles nur, weil er im Grunde genommen Musik unterbewusst verabscheute. Ich finde, darüber sollten wir einmal gemeinsam meditieren. Aber nur bis zum nächsten Mal.

Diese und weitere Geschichten gibt es wie immer auf dem Blog “Rock Bottom” von Andreas Kraatz direkt zum Anhören.

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