Als Deutscher in den USA

12. Juni 2015 @

Heute: Memorial Day

Nur noch wenige Tage und meine amerikanischen Gastgeber begehen den Memorial Day. Meine Frage nach der eigentlichen, also ursprünglichen Bedeutung dieses Tages beantwortet meine Frau so: „Also da erinnern wir uns an so Gestorbene, so, also, die dann da also nicht mehr leben oder so, ach, ich weiss auch nicht. Warum willst’en immer solche Sachen wissen?“ Ich schüttele etwas verwirrt den Kopf und gehe ins Kinderzimmer, wo meine Enkelin Brookie zusammen mit ihrer Mami ein Nickerchen macht. „Hey, ihr!“ töne ich begeistert. „Ich mach’ eine Umfrage. Worum geht’s beim Memorial Day?“

Meine beiden Mädels sehen mich völlig verpooft aus klitzekleinen Augen an. Ich hatte bei der ganzen Geschichte nämlich vergessen, dass „Nickerchen machen“ bei den beiden den völligen shut-down aller Systeme bedeutet, Hirn eingeschlossen. Im Moment würden selbst die Experten an der Vanderbildt University keine Brägentätigkeit feststellen. „Memorial Day“, versuche ich erneut. „Worum geht’s da?“ „So Leute“, murmelt meine Tochter. „Die haben so Sachen gemacht, glaube ich.“

Neues aus den USA von Andreas Kraatz- Foto: AK

Neues aus den USA von Andreas Kraatz- Foto: AK

Ich seufze und fühle mich in die Zeit zurückversetzt, in der ich als junger Reporter in Deutschland mal nach dem Sinn des 17. Juni als Feiertag gefragt habe. „Grillfete“ war damals die häufigste Antwort. Nun ja, vielleicht weiß ja meine Enkelin Bescheid. „Schule ist aus“, sagt die Kleine. „Und der Swimming Pool macht auf. Juchhuuh!“ Na, immerhin etwas. Aber es stimmt: Der Pool öffnet. Das Wasser wird vermutlich erstmal eiskalt sein, aber das ficht unsere Achtjährige nicht an. Der innere Kalender des Kindes befiehlt: „Badeanzug an!“ und unsere Schwimmwütige gehorcht.

Es erklärt auch, warum alle Eltern in der Wohnsiedlung plötzlich so missmutig einherstapfen. Memorial Day bedeutet den Beginn der Sommerferien, also acht Wochen Nachwuchs pur, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche – „twentyfour seven“, wie man hier sagt. Wegen sowas sind schon Kriege vom Zaun gebrochen worden. Man kann schon jetzt erkennen, wer das Geld für drei Wochen Sommercamp zusammenkratzen konnte und wer nicht. Bei den wohlhabenden Familien sind die sonst aufsässigen Blagen nämlich plötzlich sanftmütig und freundlich. Neulich hat sogar ein uns völlig unbekanntes Kind meinem Nachbarn und mir einen Eistee gebracht und einen schönen Tag gewünscht.

Wir haben später herausgefunden, dass der Kleine von seinen Eltern für das Sommerlager des United States Marine Corps vorgemerkt war. Es wird in diesem Jahr in Afghanistan abgehalten, mit geplanten Ausflügen nach Nordkorea und in den Iran. „Hört sich doch gar nicht so schlecht an“, sagt mein Nachbar während wir an unseren Kräuterzigaretten saugen. „Find’ ich auch“, erwidere ich. Dann sehen wir uns an, lachen hämisch meckernd und warten auf die Bimmelbahn.

Am nächsten Tag fährt ein Marinecorps-Bus bei uns herum und sammelt schreiende und strampelnde Kinder und Jugendliche ein. Vereinzelt kommt es zu unruheartigen Tumulten, die jedoch von den Marines mit viel pädagogischem Feingefühl, Emphatie und ein paar zielsicher platzierten Fausthieben beendet werden können. Überall tanzen später betrunkene Eltern mit halbleeren Champagnerflaschen in der Hand auf der Straße herum. Ich bin seit langem mal wieder froh, dass ich hier kein Teenager war.

Aber wir waren ja dabei, herauszufinden, was der Memorial Day eigentlich wirklich ist. „Schule aus“, „So Leute, die Sachen gemacht haben“ und „Pool auf“ hatten wir ja schon. Wenden wir uns also einmal den Experten zu. Mal sehen, was das Internet sagt: „Der Memorial Day (übersetzt: ‚Gedenktag‘) ist ein Feiertag, der jedes Jahr am letzten Montag im Mai zu Ehren der Gefallenen begangen wird. Er geht auf den Amerikanischen Bürgerkrieg zurück und wurde am 30. Mai 1868 erstmalig begangen. Heutzutage ist der Memorial Day für die amerikanischen Gefallenen aller Kriege gedacht.“ Da haben wir ja direkt mal wieder was gelernt, oder?

Und damit entlasse ich Sie alle in den schnöden Alltag. Machen Sie’s doch einfach mal wie wir: Grill an, Burger drauf, Bier auf, zurücklehnen und genießen. Die verblichenen Helden hätten das sicher auch so gemacht, egal ob es nun damals war oder heute ist. Der Gedanke ist’s, der zählt und – ein bisschen an das denken, was unsere Vorfahren so getrieben haben. Wie heißt das so schön: Wer seine Vergangenheit kennt, kennt seine Zukunft.

Diese und weitere Geschichten gibt es wie immer auf dem Blog “Rock Bottom” von Andreas Kraatz direkt zum Anhören. Einfach auf das Bild klicken.

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