Zusammen Leben retten – Johanniter vergeben Preise an Helfer

17. Oktober 2017 @

Der neunjährige Markus Rud aus Korbach erhielt den Johanniter-Juniorenpreis und die Bundeswehrsoldaten Marcel Dewitt, Marco Lindenhahn aus Wunstorf und Nico Lüttich aus Bad Frankenhausen wurden mit dem Hans-Dietrich-Genscher-Preis geehrt.

Die Auszeichnungen 2017 haben nicht nur das rettende Handeln gemein, sondern auch das gemeinschaftliche Vorgehen. Die Preisträger haben zusammen Leben gerettet. In beiden Fällen konnten die Ersthelfer durch Verteilung der Aufgaben und durch Interaktion die passende Hilfe leisten bis die professionellen Retter eintrafen.

Den Juniorenpreis erhielt Markus Rud (mi.) im Beisein von Michael Seebold (li.) und Thomas Mähnert – Foto: Johanniter-Medienservice

Es war ein ruhiger Septemberabend vor einem Jahr in Korbach. Markus und Rudolf befanden sich in der Obhut von Oma Lydia. Als diese eine Windel für den Jüngsten holte, entwischte der sehr agile Knabe in den Garten. Als Oma und der Bruder ihn suchten, fanden sie ihn im Pool treibend. Sie zogen ihn aus dem Wasser, aber Rudi atmete nicht mehr. Da die Oma als Spätaussiedlerin aus Russland nur ein altes, schwer mundartlich gefärbtes Deutsch spricht, wählte Markus weinend die 112, so wie er es in der Schule gelernt hatte. Am anderen Ende der Leitung war Michael Seebold, zweifacher Familienvater, erfahrener Leitstellenmitarbeiter und Rettungsprofi mit einem Gespür für die besonderen Fälle. Das war das Glück für alle Beteiligten.

Markus berichtet schluchzend, was vorliegt. Michael Seebold weiß in diesem Moment genau, dass er erst einmal das Kind beruhigen muss, damit er dem Kleinen helfen kann. Und dann auf die Seite legen und über den Mund beatmen. Kurz darauf hustet Rudi und beginnt wieder zu atmen. Zu diesem Zeitpunkt trifft auch der Notarzt ein und alles wird gut. Erleichterung auf allen Seiten. „Für mich ist es einfach bewundernswert, dass ein Neunjähriger trotz seiner emotionalen Anspannung so vernünftig und klug handelt“, sagte Sebastian Dietz, Laudator des Johanniter-Juniorenpreises. „Diese Tapferkeit, die Markus an den Tag gelegt hat, und, trotz der fast erdrückenden Verantwortung, die auf seinen jungen Schultern lastete, zuzuhören und das Richtige zu tun, ist phänomenal. Manch Erwachsener hätte damit Schwierigkeiten!“ Der Paralympics-Goldmedaillengewinner von Rio und Para-Weltmeister im Kugelstoßen, der selbst einen schweren Verkehrsunfall hatte, überreichte den Johanniter-Juniorenpreis Markus Rud, der in Begleitung von Markus Seebold die Bühne betrat.
Die Jury sprach sich, obwohl weitere Nominierungen von beeindruckenden Hilfeleistungen junger Menschen vorlagen, für diesen Fall aus, weil das Zusammenwirken von Ersthelfer und Leitstelle hier auch exemplarisch durchgeführt wurde. Die telefonische Reanimation ist zum Beispiel in der Region Hannover in der Rettungsleitstelle bereits eingeführt, dies ist aber nicht überall in Deutschland so.

Auch bei der jetzt ausgezeichneten Rettungstat vom Juni vergangenen Jahres gab es ein beispielloses gemeinschaftliches Handeln: Die drei Bundeswehrsoldaten Marcel Dewitt, Marco Lindenhahn und Nico Lüttich waren auf der A 2 unterwegs und fuhren auf einen Unfall zu, der sich an einem Stauende zugetragen hatte.

Den Hans-Dietrich-Genscher-Preis erhielten Oberfeldwebel Lindenhahn, Oberstabsgefreiter Lüttich, Feldwebel Dewitt von Innenminister Boris Pistorius (hi.v.li.); vorn ist Annika Lahn dabei – Foto: Johanniter Medienservice

Feldwebel Dewitt und Oberfeldwebel Lindenhahn, Fluggerätemechaniker vom Fliegerhorst Wunstorf, eilten, nachdem sie ihr Fahrzeug gestoppt hatten, sofort an den Unfallort. Sie sahen einen aufgelösten Vater Michael Lahn, sprachen beruhigend mit ihm und verschafften sich einen Überblick. Um den verunfallten Personenwagen waren die Überreste des Caravans zu sehen und der Lastwagen, der das Stauende übersehen hatte und ungebremst aufgefahren war. Im Auto, dessen Motorraum angefangen hatte zu brennen, sehen sie das Mädchen. Sie steigen ins Auto ein, sprechen mit ihr, steigen wieder aus, organisieren Feuerlöscher und Erste-Hilfe-Kasten von den herumstehenden Lastwagenfahrern. Sie löschen das Feuer, versorgen die Ellenbogenverletzung von Annika und versuchen mit allen Mitteln, die Tür aufzuhebeln und Annika aus dem Auto zu bekommen. Währenddessen kommt ein weiterer, für sie fremder Soldat hinzu: Oberstabsgefreiter Nico Lüttich, aktuell beim Panzerbataillon 393 in Bad Frankenhausen/Thüringen stationiert, setzt sich wie selbstverständlich auf die Rückbank des Wagens und bleibt bei dem Mädchen und lenkt sie mit Fragen nach alltäglichen Dingen ab – auch als das Feuer ein zweites Mal aufflackert. Diese ineinandergreifenden Aktionen und die seelische Unterstützung überbrücken die Wartezeit auf die Feuerwehr und den Rettungsdienst, die wegen einer nicht gebildeten Rettungsgasse starke Schwierigkeiten hatten, überhaupt zum Unfallort vorzudringen.

In einem außergewöhnlichen Augenblick ihres Lebens kamen sich hier völlig fremde Menschen ganz nah. „Diese drei jungen Männer haben instinktiv, schnell und beispielhaft reagiert, und damit einer in einem brennenden Auto eingeklemmten Jugendlichen in einer ausweglosen Situation geholfen. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes Lebensretter und haben den Hans-Dietrich-Genscher-Preis, der ihnen für ihr heldenhaftes Handeln verliehen wird, mehr als verdient“, sagte der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius. Der Laudator des diesjährigen Hans-Dietrich-Genscher-Preises betonte weiter: „Noch dramatischer wird dieser Fall dadurch, dass die Feuerwehr das in einem brennenden Auto eingeklemmte Opfer nicht erreichen konnte, weil keine korrekte Rettungsgasse gebildet wurde.“

Kommentare gesperrt.

© 2019 Sehnde-News.