Als Deutscher in den USA

22. März 2017 @

Heute:   Prinz Pinocchio

Es war einmal vor gar nicht so langer Zeit ein Königreich mit Namen Immergrins, in dem waren alle Menschen unzufrieden und unglücklich. Wenn sie zur Arbeit gingen, schimpften sie beständig auf die Regierung, und wenn sie abends nach Hause kamen, betranken sie sich. Für den Kater am nächsten Tag machten sie selbstverständlich den amtierenden Prinzregenten des Landes, Markgraf Freudling von Spaßburg, verantwortlich. Ständig trafen sich größere Gruppen von sogenannten „Zornigen“ auf den Marktplätzen der Städte, schüttelten ihre Fäuste gen Himmel, verfluchten den Tag, an dem ihr Herrscher geboren war und forderten seinen Rücktritt.

Eine Fiktion von Andreas Kraatz – Foto: AK

Freudling sah es und dachte sich nichts dabei, denn seine Landeskinder waren keine größeren Dummköpfe als die Bewohner von Vollpfosten, einer kleinen Nachbarländerei, die südlich von Immergrins an den See Blubberlutsch angrenzte und die vom bösen Zauberer Bannon regiert wurde. Bannon hielt es mit der Schwarzen Magie. Es gab Gerüchte, dass der böse Zauberer erst vor Kurzem das letzte Einhorn des Landes gefangen und sich zum Abendessen gebraten hatte. Mit dem Horn hatte er danach erst seinen Hofnarren verprügelt, bis die Glöckchen an dessen Mütze verstummt waren, und später einen Rückenkratzer daraus fertigen lassen.

Sein ganzes Leben hatte Bannon neidvoll nach Immergrins geschielt und immer wieder die übelsten Lügen über Freudling und seine Taten verbreiten lassen. Bis, ja, bis diese Lügengeschichten schließlich auf fruchtbaren Boden fielen. Die „Zornigen“ wurden immer mehr und mehr bis schließlich niemand mehr lachte oder guter Dinge war. Dabei ging es den Bürgern von Immergrins nicht wirklich schlecht. Ihre Arbeit wurde relativ anständig entlohnt, sie hatten genug zu essen und ihre Arbeitgeber gewährten ihnen sogar ein paar bezahlte Urlaubstage im Jahr, von den freien Wochenenden ganz zu schweigen.

Den „Zornigen“ war dies jedoch völlig egal, oder vielleicht war es ihnen auch nicht genug, denn sie lebten in ihrer ganz eigenen Welt. Diese Welt, ein dunkler und unangenehm feuchter Ort, an dem es ständig nach Schimmelpilz und alter Wäsche roch, wurde regiert von Prinz Pinocchio, dem Herren der Lügen und alternativer Fakten. Er war zudem ein guter Freund des Zauberers Bannon und dessen Lügen und Einflüsterungen wurden in Prinz Pinocchios Kopf schon bald zur Wahrheit. Zu allem Unglück entschloss sich Freudling von Straßburg urplötzlich, alle Ämter aufzugeben und für den Rest seines Lebens zum Angeln an den See Blubberlutsch zu fahren.

„Sollnse ihren Mist doch selwa wechmachen“, hatte Freudling Zeugen zufolge ausgerufen und einen Wurm derart auf den Haken gespießt, das der nur so quiekte. Die Bürger von Immergrins waren außer sich vor Freude. Sie luden Prinz Pinocchio und den Zauberer Bannon ein, ihre neue Regierung zu werden. Der Prinz und sein Zauberer fingen sofort an, die Welt nach ihren Wünschen einzurichten. Die Immergrinser grinsten immer weniger, was vielleicht auch daran lag, dass sie die Elefantennasen aus Pappe, die sie auf Befehl Bannons tagsüber tragen mussten, sie zu sehr drückten.

Wunderschöne Zukunft im Phantasien-Land – Foto: AK

Es hagelte fürderhin mehr und mehr Regeln und Verbote.

Immergrinser, deren Nase nach Ansicht der neu gegründeten NAPO (Nasenpolente) zu lang war, wurden des Landes verwiesen. Ähnliches geschah mit Leuten, die keinen Kamm in der Tasche tragen wollten oder die Hymne der Vollpfostener nicht kannten (das Lied samt Notation zum Nachsingen können Sie auf „dusslich.com“ nachlesen. Aber Vorsicht: Bei zu lautem Absingen müssen sich besonders kleine Haustiere heftig übergeben.) Dennoch jubelten die Immergrinser noch immer, denn Pinocchio und Bannon, der übrigens nur noch als Bratwurst verkleidet auftrat, hatten versprochen, das Land „wieder groß zu machen“.

So gingen die Jahre dahin.

Pinocchio und sein Zauberer Bannon blieben für immer im Amt, denn freie Wahlen, ja, die Freiheit als Ganzes, war längst abgeschafft. Der ehemalige Herrscher Freudling von Spaßburg kehrte nie wieder in seine Heimat zurück, fiel eines Tages beim Angeln einfach tot ins Wasser und wurde vom Blubberlutsch spurlos verschluckt. Das einst wunderschöne Land Immergrins versank in totale Bedeutungslosigkeit und wurde von den Vollpfostenern schließlich annektiert und zur 13. Provinz erklärt. Von Zeit zu Zeit erkundigte sich ein wohlmeinender Potentat, der zu Besuch bei Pinocchio und Bannon war, nach dem Schicksal von Immergrins.

König und Zauberer sahen sich dann immer einen Moment lang sinnierend an und lachten dann schallend. Der Gast fiel bald in das Gelächter ein, denn es war ja auch zu lustig: Denn wer würde schon alles aufgeben – Freiheit, Wohlstand, Spiel und Tanz in den Gärten des Schlosses Immergrins – und alles nur, um eine Elefantennase aus Pappe zu tragen.

Kommentare gesperrt.

© 2019 Sehnde-News.