Als Deutscher in den USA

15. Oktober 2016 @

Heute:  Lieblingsgeschichte

SEHNDE-NEWS.DE. Eigentlich wollte ich Ihnen ja mal wieder tiefsinnige politische Analysen aus der Welt des amerikanischen Wahlkampfes präsentieren, aber dann habe ich im Fernsehen eine Sendung gesehen, in der ein Komiker Trump-Anhänger auf einem Konvent irgendwo in Ohio zu ihrem Idol, seinem Gegner Obama und zu allgemeinen Politik-Topics befragt hat. Das hatte natürlich satirischen Charakter, machte mich dann aber eher traurig bis wütend, denn das waren ja irgendwie auch meine Nachbarn, ja, quasi sogar meine Gastgeber, die da ihren Unsinn in die Gegend hupten.

Gruselig war es für Frank - Foto: A. Kraatz

Gruselig war es für Frank – Foto: A. Kraatz

Und weil einige der Befragten angaben, all ihr Wissen aus dem Internet zu beziehen, also Dinge wie „Obama ist ja gar kein Amerikaner“ oder „Obama ist Moslem, weil er manchmal keinen Ehering trägt und die muslimische Geheimsprache benutzt“ (hier begann ich leise vor Schmerz zu stöhnen). Der Verkauf der Freiheit an „unsere Feinde“ schreite im Übrigen fort – naja, und so weiter. Ich habe dann nochmals nachsehen müssen, aber nein, ich schaute keinen Videomitschnitt einer AfD-Sitzung. Ich muss zugeben, ich schämte mich fast für einen solchen Vergleich.

Deshalb gibt’s heute eben keine tiefsinnige Politanalyse, sondern meine Lieblingsgeschichte aus dem Internet. Das passt ja dann doch wieder, ist aber harmloser. Also, es geht natürlich um die große Liebe und Facebook. Da hatte nämlich jemand namens, naja, sagen wir mal, Frank – oh, ist Ihnen eigentlich mal aufgefallen, dass in Action-Filmen derjenige, der gerettet werden muss, fast immer „Frank“ heißt? („Wir müssen Frank raushauen“ oder „Die Schweine haben Frank geschnappt!“). So, also dieser Frank traf Emily (auch erfunden) auf Facebook.

Emilys Bild in ihrem Profil gefiel Frank sehr gut, sie erinnerte ihn ein wenig an Heidi Klum und mit ihren 24 Jahren entsprach sie genau den Vorstellungen des 42-jährigen Frank. Man begann zu chatten und schon bald zündete jener Funke, den Experten immer erwähnen, wenn es um die Liebe geht. Frank war allerdings aus Massachusetts und Emily lebte in Louisiana. Sie war zudem noch verheiratet, betonte aber immer wieder, dass sie von ihrem Mann getrennt lebe. Sie war es auch, die Frank schließlich fragte, ob er nicht mal auf ein Wochenende vorbei kommen wollte.

Unser liebestoller Yankee sagte sofort ja. Amerikaner haben nämlich keinerlei Sinn für Entfernungen – meine Frau will immer mal wieder ins Auto hüpfen und für einen Tag an den Strand nach Florida düsen – und so machte sich Frank auf, um seine Südstaaten-Schöne zu besuchen. Gut, dass er Urlaub genommen hatte, den sein altersschwacher Buick musste hier und da mal eine Pause einlegen, weil ihm die Puste ausging. Aber er schaffte es. Einen Anlasser und zwei Reifen später stoppte Frank vor Emilys Haus und ging mit weichen Knien die Einfahrt hinauf zur Tür.

Er klopfte. Eine 400 Pfund schwere Frau um die 50 mit schütterem Blondhaar öffnete nach einem kurzen Moment. Sie trug einen fleckigen Morgenmantel und Winnie Pooh Hausschuhe, die schon weitaus bessere Zeiten gesehen hatten. „Hallo“, krächzte Frank bereits ahnungsvoll, „ist Emily zuhause?“ Die enorme Frau grinste freundlich durch drei Vorderzähne und rief begeistert „Fraaaaank!“ Dann grabschte sie ihn und drückte ihn an ihre enorme Oberweite. Frank, beileibe kein Schmachthaken, hatte Probleme mit der Atmung. Emily zog den so Geschwächten ins Haus.

Neues aus den USA von Andreas Kraatz- Foto: AK

Neues aus den USA von Andreas Kraatz- Foto: AK

Nun wollte Frank nicht unhöflich sein, oder vielleicht war es auch die schiere Angst um sein Leben, die ihn Emily folgen ließ. Im Haus roch es nach Schweiß und Katzenklo. Auf dem Wohnzimmertisch stand ein Laptop, halb begraben unter Pizzaresten und Cheeseburger Papier. Frank unterdrückte ein Schluchzen und verfluchte diejenigen, die das Internet und insbesondere Facebook erfunden hatten. Während all der Zeit schnatterte Emily ununterbrochen auf ihn ein, aber Frank hörte kaum etwas davon. Er suchte verzweifelt nach einer Exit-Strategie.

Die bot sich schließlich, weil Frank nach der langen Fahrt und mehreren Bechern Kaffee zum Wachbleiben dringend aufs Klo musste. „Ist gleich dahinten“, zirpte Emily und deutete auf eine Tür. Vermutlich war Frank übermüdet oder noch immer vor Entsetzen gelähmt, auf jeden Fall öffnete er die falsche Tür und stand plötzlich in der Garage. An der gegenüberliegenden Wand sah er eine offene Tiefkühltruhe, aus der ein lebloser Arm hing. Es war, wie man hier so schön sagt, die Glasur auf dem Kuchen. Frank drehte sich um und quiekte erschreckt auf. Vor ihm stand Emily.

„Da – da -da ist ein Toter in der Kühltruhe“, stammelte Frank hilflos und deutete auf den Toten in der Kühltruhe. Emily zuckte mit den Schultern. „Oh, das ist Sal, mein Ex“, sagte sie leichthin. „Ist mir auf den Geist gegangen.“ Frank glaubte es ihr sofort. Wer Emily auf den Geist ging, endete in der Tiefkühltruhe. Ganz klar. Er schubste seine ehemalige Angebetete zur Seite und rannte aus dem Haus zu seinem Wagen, als wären tausend Teufel hinter ihm her. Frank ließ den Motor an, raste mit quietschenden Reifen davon und stoppte erst, als er ein Polizeirevier gefunden hatte.

Dort erzählte er seine Geschichte. „Hab‘ mich schon gewundert, wo Sal abgeblieben ist“, sagte der Desk Sergeant. „Wir sind immer zusammen angeln gegangen, seit wir Kinder waren.“ Zusammen mit zwei Beamten kehrte Frank zu Emilys Haus zurück, wo die Polizisten seine Geschichte bestätigt fanden. Emily saß auf dem Sofa und heulte. Tja, das war die Geschichte von Frank und Emily. Großes Kino, hätten wir wohl früher gesagt. Frank hat übrigens sein Facebook Konto gelöscht und das Internet gekündigt. Angeblich soll er sogar seinen Namen geändert haben.

Na, was sagen Sie – war das nicht besser als schon wieder so eine langweilige Wahlanalyse? E-ben. Das war’s für heute und eigentlich sollte jetzt jemand die Titel-Musik der Gruselserie „The Twilight Zone“ spielen. Sie wissen schon: „Hududu, hudadada, hudadada, wheeeee, bomm boppom bomm bomm“. Oder so ähnlich – Frank würde es wissen.

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