Als Deutscher in den USA

5. Oktober 2016 @

Heute: Wohnen

SEHNDE-NEWS.DE. „Guck mal, das wäre doch was“, sagt meine Frau und schwenkt einen dünnen Katalog derartig schnell vor meinem Gesicht herum, dass ich nichts erkennen kann. „Du siehst ja gar nicht hin“, ergänzt sie vorwurfsvoll. Aha, denke ich, da war wieder so ein Katalog mit Häusern in der Post. Die örtlichen Makler schicken sowas dauernd rum. „Nu‘ zeig‘ doch mal“, sage ich also irgendwie lustlos. Das Katalogbild zeigt einen Palast, der Ludwig II. von Bayern zur Ehre gereicht hätte, und der nur 350 000 Dollar kosten soll.

„Hey, nur 350 Mille“, sage ich gut gelaunt. „Ich geh’ schon mal die Brieftasche holen.“ „Blödmann“, knirscht meine Frau. „Wär‘ doch aber schön, so’n Haus, oder?“ Ja schon. Wir hatten ja mal ein Haus. Bis die Kredithaie die Raten so hoch geschraubt hatten, dass zwei Gehälter nicht mehr ausreichten, um das alles zu bezahlen. „Angepasste Ratenzahlung“ nennen sie das hier. Woanders wäre dafür die Mafia zuständig. Wie auch immer, wir haben auch diese Herausforderung gemeistert und wohnen ja seitdem zur Miete.

Eine kleines eigenes Haus ist der Traum in Amerika - Foto: AK

Eine kleines eigenes Haus ist der Traum in Amerika – Foto: AK

Das klingt zuerst nicht so toll, sieht aber schon wesentlich besser aus, wenn mal was kaputt geht. Dann kommt der Handwerker und gut is. Wir zahlen keine Grundsteuer und müssen den Rasen nicht mähen. Wir haben einen Pool, einen Tennisplatz und ein Volleyballfeld. Wenn wir lustig sind, sitzen wir um einen der vielen Holzkohlegrills und braten uns was: Eichhörnchen, Opossum oder Rehe. War natürlich nur ein Witz. Kein Mensch hier würde ein Opossum grillen. Es ist wie im Paradies.

Wenn da nicht die Nachbarn wären. Diese Apartments sind nämlich in Leichtbauweise hergestellt worden, das heißt, man kann zwar niemanden sehen, aber man kann alles gut hören. Den Terz im Untergeschoss von vor zwei Jahren lasse ich mal weg. Den Beziehungslärm, den das junge Pärchen da veranstaltet hat, sollen sie sogar in Michigan gehört haben. Dafür lag unser Balkon strategisch sehr günstig. Viel sehen und hören, ohne selbst gesehen und gehört zu werden. Wie bei der Spähtrupp-Ausbildung beim Bund eben.

Manchmal schwingen zwar ein paar meist männliche Teenager von den Dachbalken, um hormonübersteuert die lokale Weiblichkeit zu beeindrucken. Um die kümmert sich üblicherweise Darwin’s „Survival of the Fittest“ Theorie und so hat die Zahl der 15- bis 19-jährigen Jungakrobaten in diesem Sommer relativ schnell wieder abgenommen. Nur vereinzelt taucht hier und da noch einer auf, den wir mit ungalanten Hinweisen auf seine Akne und den lächerlichen Bartflaum schnell wieder vertreiben.

Und so leben wir in einem kleinen Paradies, allein und vereint mit der uns umgebenen Flora und Fauna. Für Tennis und Volleyball ist es viel zu heiß und das Wasser im Pool ist derzeit nur gut zum Kaffee kochen. Die Südstaatler nennen das Hundstage. Jetzt müssen wir nur noch den Typen loswerden, mit dem unsere Tochter dauernd abhängt. Da muss doch irgendwas mit dem Hund zu drehen sein. Vielleicht erzähle ich ihm einfach, dass der neue Freund meiner Tochter ein Katzenfan ist. Oder ich setze meinen Nachbarn drauf an. Irgendwas geht hier ja immer.

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