Als Deutscher in den USA

23. April 2016 @

Heute:   Wrestling

Amerikaner sind in so mancher Hinsicht anders als die anderen Kinder. Politisch immer auf World Tour, ob nun gewollt oder nicht, mitgegangen, mitgefangen manchmal; kulturell so gerade man „hm, naja, also gut“, wenn man mal von Quentin Tarantino absieht, aber der hat sich auch gerade irgendwie an Western festgefressen, und das Bier, ja, das Bier  schmeckt meist irgendwie nach Eichhörnchenpipi.

Verstehen Sie mich aber bitte hier nicht falsch: Ich finde die Amerikaner sehr sympathisch und bisweilen sogar liebenswert. Da sieht man wie ein alter Ehepartner schon mal über die eine oder andere Schrulle hinweg. Den Sport zum Beispiel. Über Football und Baseball haben wir ja schon mal gesprochen, wobei eigentlich Baseball der einzig echte Sport mit Ball ist, das sogenannte „ball game“, das auch dauernd besungen, bedichtet oder verfilmt wird. „Ich empfehle Kevin Costners ‚Field of Dreams‘, eine Liebeser –“

Diesen Beitrag und andere von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast - einfach auf's Bild klicken - Foto: AK

Diesen Beitrag und andere von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast – einfach auf’s Bild klicken – Foto: AK

„Was blubberst Du denn schon wieder so haltlos in der Gegend rum, Cabron?“, unterbrach mich mein Nachbar leicht ungeduldig und hielt mir seine Kräuterzigarette hin. „Da, nimm‘ ein paar kräftige Züge, dann kannst Du gut quatschen.“ Ich nahm den Stängel und saugte daran, bis es knisterte. Aus der Bimmelbahn winkte mir Clint Eastwood zu. Ach ja, „Zwei glorreiche Halunken“. Da sagt Clint das zu dem Ganoven Tuco….

„Weißte, was ein echter Männersport ist?“ fragte mein Nachbar dazwischen. „Federball?“, versuchte ich. „Quatsch“, erwiderte er. „Wrestling natürlich!“ Ich lachte kernig. Mein Nachbar verzog keine Miene. „Ernsthaft?“, fragte ich erstaunt. Ich dachte an die endlosen Sport-Übertragungen im Fernsehen, meist genau vor Filmen oder Shows, die ich gerne sehen wollte. Da hopsten halbnackte Männer durch den Ring, rubbelten sich gegenseitig die eingeölten Muskeln und hatten lustige Namen wie „Der Bestattungsunternehmer“, „Zonendödel“ oder „Aldi Praktikant“.

Mädels gibt’s übrigens auch in dem, äh, Sport. Die hauen sich genau so ordentlich auf die toupierte Glocke wie ihre männlichen Pendants und rennen in winzigen Sportbikinis in der Gegend rum. Sie nennen sich „Sisters of Doom“, „Kaffeekränzchen“ oder „Merkels Army“. Manchmal wird’s so wild, dass die Brustimplantate nur so in der Gegend herumfliegen.

Kommentiert wird das Ganze von Reportern, die wirklich zu glauben scheinen, dass das alles echt ist. Tja, manchmal hilft ein ordentliches Salär eben doch. Manche der Kommentatoren waren übrigens früher selbst Wrestler, was bisweilen bei den Damen und Herren Journalisten zu spontanen Grunzanfällen führt, damit sie auch noch der letzte Höhlenmensch in West-Virginia versteht, sollte er gerade mit der Zubereitung von Touristen zum Abendbrot beschäftigt sein.

Überhaupt, die Zuschauer. Wenn sie nicht wirklich kaum älter als zwölf Jahre sind, benehmen sie sich jedenfalls so. „Das ist alles echt!“ schrie mein Nachbar begeistert, als wir uns ein Wrestling-Match im Fernsehen ansahen. Der „Fettfreie Yoghurt“ verprügelte gerade die „Babywindel“ mit einem Stoffschlumpf und kreischte dazu wie Justin Bieber. Auf der Tribüne tobte der Mob. Das Bier floss in Strömen; quittegelbe, marode Gebisse hielten sich verzweifelt an zerkauten Zigarettenstummeln aufrecht. „Jetzt krisste watte verdienst, du Sau!“ schrie eine erschreckend aussehende, offenbar in Jack Daniels eingelegte Dame um die 21.

Wrestling gilt in den USA als "Sport" - Foto: AK

Wrestling gilt in den USA als „Sport“ – Foto: AK

Sie erinnerte mich fatal an eine ihrer Schwestern im deutschen Osten, die dereinst faustschüttelnd so wortreich wie laut die Kanzlerin vor einer Unterkunft für Flüchtlinge „begrüßt“ hatte. Ich schüttelte mich kurz vor Ekel. Dann fragte ich meinen Nachbarn, wer denn sein persönlicher Liebling dabei sei. Er überlegte kurz. „Allanis Morrisette“, sagte er dann. „Das ist eine Sängerin“, erwiderte ich verwirrt. „Die hat im Leben noch keinen Muskelprotz verprügelt.“ „Eben“, sagte mein Nachbar kryptisch und öffnete ein Bier. „Das vermuten die anderen nicht bei ihr.“ Wrestling, selbst wenn man nur zusah, griff offenbar das Hirn an.

„Ich wird‘ Deinen hohlen Schädel knacken wie ein rohes Ei“, zischte mir Allanis Morrisette ins Ohr. Sie trug einen knappen Lederbikini, der ihre enorme Oberweite nur spärlich bedeckte. Dann nahm sie mich in den Schwitzkasten und drehte mir die Luft ab. Ich fuhr schreiend aus dem Schlaf hoch und japste verzweifelt. Niemand war hier außer meiner friedlich schlafenden Frau. Irgendwo in der Dunkelheit röchelte der Hund. Ich fiel erleichtert zurück in die Kissen. Mist-Wrestling. Ehrlich mal.

Diese und weitere Geschichten gibt es wie immer auf dem Blog “Rock Bottom” von Andreas Kraatz direkt zum Anhören.

Kommentare gesperrt.

© 2019 Sehnde-News.