Als Deutscher in den USA

12. April 2016 @

Heute:   Soziale Netzwerke

Sie, liebe Leser meiner Kolumne, nehmen heute an einem sozialen Experiment teil, das sich mein Nachbar und ich nach einigen Kräuterzigaretten und nachdem die Bimmelbahn durch war, ausgedacht haben. Wir saßen also mal wieder auf der Treppe und sahen zu, wie mein Hund über den Rasen kajohlte und dabei fröhlich eine „pee mail“ nach der anderen hinterließ. Die Hundemädels wird’s freuen.

Neues aus den USA von Andreas Kraatz- Foto: AK

Neues aus den USA von Andreas Kraatz- Foto: AK

„Weißte, was wir mal machen sollten?“ fragt mein Nachbar. „Na, was?“ fragte ich zurück. „Uns nur unter Verwendung von echten Facebook-Postings unterhalten“. „Klingt aufregend“, erwiderte ich unaufgeregt und begann: „Facebook ist, als wenn man besonders neugierige Nachbarn hat, die einen nicht mal besonders mögen, aber trotzdem dauernd über den Zaun linsen, um zu sehen, ob man mal wieder nackt im Whirlpool sitzt“.

„Nicht schlecht, Pendejo“, lobt mein Nachbar. „Manche Leute brauchen eben manchmal ein paar Streicheleinheiten – mit einem Hammer und mehrmals hintereinander“. Ich nicke und erwidere: „Leute, die ihren Kaffee am liebsten schwarz trinken, entwickeln oft psychopathische Tendenzen“. „Stimmt“, sagt mein Nachbar. „Und die Typen, die bei Starbuck’s einen Soya Latte, mit zweimal aufgeschäumter, halbfetter Milch, einem Spritzer Karamell und Zimt-Topping bestellen, werden ihre Opfer“. Wir lachen meckernd.

„Tja, ihr Hübschen“, rufe ich unseren Truthähnen zu. „Die Monster sind echt und sie sehen aus wie Leute.“ Die Vögel interessiert’s wenig. Sie machen sich stattdessen daran, meinen Hund zu verfolgen. „Wusstest Du, dass in jeder alten Person eine junge Person steckt, die sich fragt, was zum Teufel da schief gegangen ist?“ fragt mein Nachbar. „Wenn ich mal sterbe, brauche ich dringend jemanden, der sofort meinen Suchverlauf auf Google löscht und zwar ohne jegliche Vorurteile“, ergänze ich noch schnell.

„Ich hasse Leute mit Vorurteilen“, sagt mein Nachbar. „Du rauchst und trinkst? Geht mich nichts an. Drogen? Mach‘ doch. Du hast Tatoos und Piercings? Schön für Dich. Zuviel Make-Up? Zuwenig? Mir egal. Ich bewerte Leute nicht danach. Wenn die mich dann auch in Ruhe lassen, ist alles gut“.

Koversation mit Facebokk-Posts kann Sinn ergeben - Foto: AK

Konversation mit Facebook-Posts kann Sinn ergeben – Foto: AK

„Das war ja schon fast philosophisch“, wispere ich ergriffen. „Ich mag ja mehr so die Durchgeknallten“, sage ich. „Da weiß ich wenigstens, woran ich bin. Die Normalen machen mich nervös“. Mein Nachbar grinst. „Nur zu Deiner Information: Die Pillen, die ich normalerweise nehme und die mich so machen wie Du, sind alle“.

Ich sehe mich schnell nach dem Hund um. „Was soll’s“, murmele ich abwesend, „es gibt sowieso nur eine Handvoll Leute, die mich verstehen. Der Rest denkt, ich bin irre, dauernd wütend oder ein Drecksack“. „Ich muss rein“, sagt mein Nachbar plötzlich. „Der Nachbarjunge hat mich zu einer Wasserschlacht herausgefordert. Ich hab‘ eigentlich nur Zeit totgeschlagen, bis mein Wasser kocht“.

Ich frage mich kurz, ob es jetzt langsam Zeit wäre, die Polizei zu rufen. „Wenn sie Deine Abwesenheit nicht bemerken, hatte Deine Anwesenheit keinerlei Bedeutung für sie“, rufe ich meinem Nachbarn hinterher. „Waaaas?“ schreit er durch die geschlossene Wohnungstür zurück. Er rennt wahrscheinlich schon wieder nackt rum. Ein verstörender Gedanke. „Ich sagte, dass manche Leute sich Dir gegenüber ununterbrochen wie Arschlöcher benehmen, weil sie glauben, dass sie sich mit Dir alles erlauben können. Aber genau da täuschen sie sich“.

„Jaja“, ruft mein Nachbar durch die Tür. Und das war’s mit der Facebook-Konversation. Ich bin dann auch rein und hab‘ ein paar Liegestütze gemacht. Naja, einen. Also schön, ich bin gestolpert und habe mich mit den Armen aufgestützt. Das zählt, oder? Verdammt, ich brauche Schokolade.

Diese und weitere Geschichten gibt es wie immer auf dem Blog “Rock Bottom” von Andreas Kraatz direkt zum Anhören.

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