Als Deutscher in den USA

9. Februar 2015 @

Heute: Enkelin

Ich habe einen neuen Ehrentitel eingeheimst. Meine achtjährige Enkelin hat mich zur „unfunnest person alive“, kurz UPA, erklärt. Auf Deutsch bedeutet das so in etwa „Spaßbremse“ oder „Superlangweiler“. Wie es dazu kommen konnte? Das Ganze fing wie immer ganz harmlos an. Ich war dran, das Kind von der Schule abzuholen, weil Mutti, also meine Tochter, ja noch bei der Arbeit war. Sie schuftet in der Filiale eines weltbekannten Bekleidungshauses, wo sie Klamotten anbieten, die man nur im Keller anziehen kann, und das auch nur, wenn das Licht aus ist. Modisch ist das natürlich alles total up-to-date – wenn Sie darauf stehen, so rumzulaufen, wie Ronald McDonald.

Aber da wollte ich ja gar nicht hin.

Als Deutscher in den USA

Neues aus den USA von Andreas Kraatz – Foto: Gerd Altmann/Pixelio.de

Wir wollten ja über meine Enkelin reden. Kaum zuhause eingetroffen, begann das Kind also damit, die in der Schule aufgestaute Energie durch Hüpfen, Rennen und Purzelbaumschlagen abzubauen. Danach baute sie aus unserem Sofa, dem Kaffeetisch und dem bequemen Fernsehsessel meiner Frau einen Hindernisparcour, den sie mir so erklärte: „Also, Opa, das geht jetzt folgendermaßen – ich hüpfe auf dem Sofa so zehnmal auf und ab und lande dann mit beiden Füßen auf dem Tisch. Von da springe ich mit einem Salto in der Luft auf den Sessel und rolle über die Rückenlehne ab.“

Sprach’s und begann, sich einzuhüpfen.

Ich ging die Sache nochmals im Kopf durch. Sofahüpfen war soweit in Ordnung. Die Landung auf dem Kaffeetisch machte es komplizierter. Der ist nämlich ein 50 Jahre altes Familienerbstück meiner Frau und wurde mehr oder weniger von ihrem Opa handgeschnitzt.

Der zweite Problembereich war die „Saltozone“ zwischen Tisch und Fernsehsessel. Die betrug etwa drei bis sechs Meter und war hüpfend ohne Blessuren kaum zu überwinden, ganz abgesehen davon, dass ein zerstörter Fernsehsessel wiederum meine Frau auf den Plan … sagen Sie mal, mir fällt jetzt gerade auf, wie fixiert Amerikanerinnen auf Sachwerte sind: Dicke Diamanten, dicke Autos, dicke Ehemänner, dicke Fernsehsessel. Sowas, ehrlich mal.

Sogar McDonald’s hatte ja mal eine BigMäc Werbung, in der eine junge Texanerin rief: „You know, I like it big!“ Das wurde aber von allen Zuschauern irgendwie missverstanden und schnell wieder eingestampft. So wie „Brown & Bubbly“ von Pepsi oder „Was kann Braun für Sie tun?“ Auch kein Erfolg. Das haben die Leute auch andauernd mit was Anderem in Verbindung gebracht.

Aber weiter. Das Kind könnte sich natürlich auch verletzen, raunte mir ein dünnes Stimmchen im Kopf zu, das mir im Übrigen sonst immer rät, die Gewehre in Stand zu halten und im Gebüsch die Gesichtstarnung nicht zu vergessen. Und ich soll doch nicht soviel auf Sandra Bullocks Anrufbeantworter quatschen. So Zeugs eben.
Wie auch immer. Ich erhob also erst mich und dann meine Stimme und sagte fest: „Das lassen wir man lieber bleiben, gelle?“ Sie können hier übrigens „gelle“ gern durch „right“ ersetzen. So machen die das hier. Sehen Sie, und schwupp ham wir auch noch was gelernt.

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast.  - Foto: AK

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast. Einfach auf’s Bild klicken – Foto: AK

Als ich dann fertig war mit wichtig sein, starrte mich meine Enkelin an, als hätte ich einen Tintenfisch auf dem Kopf. Sie holte tief Luft und trötete: „Du bist ja wohl die lahmste Ente der Welt! Ich wette, Du hattest das letzte Mal Spaß, als Du noch ein Kind warst!“ Keine Ahnung, dachte ich bei mir, ich bin ja schon 54. An sowas kann ich mich nicht mehr erinnern. Auf Englisch können Sie das Ganze dann eben mit „unfunnest person alive“ übersetzen. So war das und so bin ich also zu meinem Ehrentitel gekommen.

Der Vollständigkeit halber möchte ich Ihnen natürlich auch noch das Ende des Dramas berichten. Nachdem also der große Zirkusakt geplatzt war, beschränkte sich meine Enkelin auf eine abgespeckte Version der geplanten Performance. Sie begann, auf der ausgeklappten Fußablage des Fernsehsessels kräftig zu „wippeln“. Mein Einwand, die Ablage klappe bei Dauerbelastung schon mal nach unten weg, wurde mit hämischem Gelächter quittiert. Und dann klappte sie, die Fußablage, und zwar blitzschnell nach unten weg. Wie vorhergesagt.

Das wippelnde Kind schien knapp eine halbe Sekunde in der Luft zu hängen. Dann landete es mit vernehmbarem „Platsch!“ bäuchlings auf dem Teppich und murmelte Unverständliches in die Fasern. Ach, Karma, dachte ich mit mildvergnügtem Grinsen, du bist mir schon eine. Keine Sorge, meiner Enkelin ist nichts passiert, alles war nach dem Fall noch an seinem Platz. Nur die Zirkuskarriere, die hat sie vorerst an den Nagel gehängt. Wir haben dann erstmal zusammen Kekse gegessen und Zeichentrickfilme geguckt – und alles war wieder okay.

Diese und weitere Geschichten gibt es wie immer auf dem Blog “Rock Bottom” von Andreas Kraatz direkt zum Anhören.

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