Als Deutscher in den USA

15. Oktober 2015 @

Heute: Oktoberfest 100415

Man konnte ja in den letzten Tagen und Wochen auch hier so manches über das Oktoberfest hören und lesen. Größtes Volksfest der Welt und dann noch die ganzen Flüchtlinge, die von Fähnchen schwingenden Münchnern am Hauptbahnhof begrüßt wurden – das schafft es sogar bis hierher in die Nachrichten.

Amerikaner sind ja oftmals verwirrt, weil ihnen das deutsche Bier so zusetzt. „Ist halt richtig echt und kein Pferdepipi!“, möchte man da gut gelaunt durch das Bierzelt rufen und die Maß nach Art der Bayern krachend auf die ignoranten Schädel der Fremdlinge niedersausen lassen. Aber dann käme die Polizei oder man rutscht auf der eigenen Bier aus – und das will ja auch irgendwie keiner. Ungefährlicher sind da schon die örtlichen Oktoberfeste, in Clarksville zum Beispiel, wo es eine riesige Army Basis gibt und jeder von den Jungs und Mädels irgendwann mal deutsche Brötchen oder deutsche Wurst abbekommen hat.

Zum Oktoberfest von Nashville nach Clarksville - Foto: AK

Zum Oktoberfest von Nashville nach Clarksville – Foto: AK

Anstelle von Ochsenbraten gibt’s allerdings einen Putenschenkel und das Bier kommt auch in Gläsern daher, die gegen die Wiesenmaß wie Schnapsgläser wirken. Die Biermaid trägt zwar ein Dirndl, redet ansonsten aber Texanisch und die Katheterbeutel zum Urinieren am Platz gibt’s wohl auch nur in München. Dafür gibt’s hier eine Krachlederne mit „Bierdepots“, also Plastikbeuteln, die man mit Gerstensaft füllen kann. Dann latscht man in der Gegend rum, wird langsam dudeldicke und keiner weiß, warum. Später dann bitte nur nicht die Beutel verwechseln.

Ich bin ja nicht so ein großartiger Oktoberfestfan, aber offensichtlich herrscht hier die Meinung vor, dass während der Saufsaison ganz Deutschland im Hacker Pschorr Zelt abhängt. Ich habe mir also den Señor Nachbarn gegriffen, und dann sind wir ab nach Clarksville. „Alles dabei?“ fragte ich vorher noch mal sicherheitshalber, und mein Nachbar hielt eine Handvoll Kräuterzigaretten hoch. Alles dabei, es konnte losgehen. Die Fahrt verlief ereignislos.

Mein Nachbar versuchte nur zwei Mal, seinen nackten Hintern aus dem Fenster zu hängen, scheiterte aber beide Male an der eigenen Leibesfülle. Der Beweis war erbracht: Eine dicke Wampe verhindert Straftaten. Zu meinem Ärger hatte sich unser Zapata für Arme dann auch noch ein wenig Deutsch beigebracht, um die „echt teutonischen Kellnerinnen“ rumzukriegen. Ich beließ es diesmal bei einem genervten Augenaufschlag. Wirst schon sehen, Burschi, dachte ich so vor mich hin.

Das Oktoberfest in Clarksville war überschaubar. „Meinste, die haben Häffwies aus Botschum?“ fragte mein Nachbar, als wir aus dem Auto stiegen. „Klar, haben die bestimmt“, grinste ich überheblich. „Und vergiss nicht nach Schnatz und Schlonke zu fragen. Das ist eine Spezialität.“ „Und was heißt ‚Du siehst super aus?'“ „Die haarige fette Wampe sieht echt hässlich aus“, sagte ich gewichtig. Mein Nachbar schrieb alles mit.

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast, einfach auf's Bild klicken - Foto: AK

Den Beitrag von Andreas Kraatz gibt es auch als Podcast, einfach auf’s Bild klicken – Foto: AK

Wir fanden schnell einen Tisch und bestellten. „Zwei Eimer von eurer Ziegengülle, aber fix!“ lächelte mein Hispano-Pole und sah die Kellnerin selbstbewusst an. „Eher würde ich Affenhirn löffeln, du enddebiler Schwachkopf!“ lächelte die Kellnerin zurück und verschwand, um uns was auch immer zu bringen. Aha, dachte ich, Konkurrenz. Das Mädel hatte offenbar auch deutsche Freunde.

„Hoffentlich verreckt ihr dran“, sagte die Kellnerin freundlich und setzte die Biergläslein wenig später vor uns ab. Du bist doof wie Ostbrot“, konterte mein Nachbar mit einem Klassiker aus den 70ern. Ich war stolz auf mich. Von wegen Deutsch ist schwer. Kann doch jeder.

Die junge Dame wollte etwas erwidern, sah sich dann aber hilfesuchend um. Es fehlte ihr offenbar ein geeigneter Anschluss. Eine Frau zwei Tische weiter winkte ihr schließlich zu. Die Kellnerin ging zu ihr. Sie unterhielten sich und das Mädchen kam erleichtert lächelnd zurück. „Wenn Blödheit wehtun würde, müsstet ihr Erbsenhirne den ganzen Tag schreien“, sagte sie freundlich.

Ich lehnte mich wie zufällig zurück und suchte Augenkontakt mit der mir leider noch unbekannten Dame. Sie lächelte mir zu und winkte uns zu sich herüber. „Meinste, ich könnte die Kellnerin jetzt das mit der Wampe fragen?“ fragte mein Nachbar. „Klar“, sagte ich. „Wir sehen uns dann später.“ „Klasse, ich hab’ Holzwolle in der Birne“, wandte mein Nachbar noch schnell den traditionellen deutschen Abschiedsgruß an und verschwand. Ich stand auf und setzte mich zu meiner neuen Freundin und es wurde dann noch ein sehr netter Abend, auch ohne Wampe und Holzwolle. Ich bin schließlich glücklich verheiratet.

Diese und weitere Geschichten gibt es wie immer auf dem Blog “Rock Bottom” von Andreas Kraatz direkt zum Anhören.

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