Mario Bartkowski aus Sehnde bewältigt Berliner „Mauerlauf“

29. August 2013 @

Er hat es geschafft: Mario Bartkowski aus Sehnde ist die 160 Kilometer durch die Bundeshauptstadt Berlin gelaufen, immer entlang der alten Mauer, zusammen mit vielen Läufern aus verschiedenen Nationen. Das war nicht immer ganz einfach, denn 100 Meilen, so viel wären das nach altem Maß, wollen erst einmal bewältigt sein. Hier sind sein ganz persönlicher Bericht und seine privaten Fotos zu diesem speziellen Lauf, der etwa der vierfachen Marathondistanz entspricht:

Es begann mit der Einweisung der Teilnehmer

Es begann mit der Einweisung der Teilnehmer

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ Es begann mit einer Lüge, als vor 52 Jahren SED-Chef Walter Ulbricht den berühmt-berüchtigten Satz sagte. Fast 30 Jahre lang sollte in Folge die Berliner Mauer als Grenzbefestigungssystem den Ostteil Berlins sowie die umgebenden DDR hermetisch abriegeln. Im August 2011 wurde zum 50. Jahrestag des Mauerbaus von zwei passionierten sogenannten Ultramarathonläufern, Dr. Ronald Musil und Alexander von Uleniecki, ein Gedenklauf auf dem Berliner „Mauerweg“ organisiert. Und die Länge dieses ehemaligen Grenz-Patrouillenweges würde in etwa einer Distanz von 100 Meilen (160,9 Kilometer) entsprechen. Und schnell war so auch das inoffizielle Motto für den Verein und die geplante Veranstaltung geboren: „Niemand hat die Absicht, 100 Meilen zu laufen!“

Zwei Jahre nach der erfolgreichen Premiere folgte am 17. und 18. August 2013 die Bewährungsprobe. Der Mauerweglauf hat sich nach dem einen Jahr „Auszeit“ weiter entwickelt. Auch die Teilnehmerzahl ist deutlich gewachsen, zu einem der größten 100-Meilen-Läufe in Europa! Eine Tradition sollte auch 2013 weiter gepflegt werden: Die Finisher-Medaille [die die „Ankommer“ erhalten – Red.] wird in jedem Jahr einem anderen Opfer der Berliner Mauer gewidmet. Diesmal wird an Günter Litfin erinnert, der im August 1961 als erster Mensch bei einem Fluchtversuch in der Nähe des heutigen Hauptbahnhofs erschossen wurde.

Vor dem Start gab's die Startnummern - mit Namen.

Vor dem Start gab’s die Startnummern – mit Namen.

Ihre Orientierung finden die Teilnehmer anhand der Streckenmarkierung, die aus geklebten und aufgesprühten Pfeilen besteht.

Punkt 6 Uhr am Samstagmorgen machen sich gut 230 Läufer aus 17 Nationen vom Sportplatz Lobeckstraße in Kreuzberg aus auf den Weg. Sie kommen aus Hongkong, Spanien, Italien, Kanada, Australien. Einige Deutsche kenne ich bereits von vergangenen Ultraläufen. Es wird gegrüßt, umarmt, man wünscht sich alles Gute und drückt die Daumen. Die umgerechnet knapp 161 Kilometer lange Strecke führt entlang des Berliner Mauerwegs einmal um die halbe Stadt. 100 Meilen, 27 Verpflegungspunkte (VP) im Abstand von 5 bis 7 Kilometern entlang des Mauerwegs, 200 Helfer, über 400 Kilogramm Lebensmittel und jede Menge historisch bedeutsame Sehenswürdigkeiten entlang der Laufstrecke – das sind die einzigartigen Basisdaten des Berliner 100 Meilen Laufs.
Der Startschuss fällt, der Gedenklauf beginnt. Ein Lauf, der nonstop um die gesamte ehemalige West-Berliner Grenze führen wird. Die genaue Zahl der Mauertoten ist nicht bekannt, es gibt unterschiedliche Angaben. Das Zentrum für Zeithistorische Forschung hat 136 Maueropfer registriert, darunter 98 DDR-Flüchtlinge, 30 Personen ohne Fluchtabsichten und 8 getötete Grenzsoldaten. Dazu kommen mindestens 251 Opfer, die bei oder nach den rigorosen Grenzkontrollen an Herzinfarkt starben.

Es geht schnell voran, zunächst vorbei an Brandenburger Tor und Reichstagsgebäude. Die ersten Kilometer sind bereits Geschichte – ständig laufe ich an Gedenksteinen vorbei, mit Blumenkränzen geschmückt. Ich erreiche bei Kilometer sechs eine besondere Gedenkstätte. Hier starb am 24. August 1961 der erste Mauertote Günter Litfin beim Durchschwimmen des Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanals. Die Finisher-Medaille wird in diesem Jahr in Gedenken an Litfin verliehen. Weitere Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke würden später etwa der Grenzturm Nieder Neuendorf (Kilometer 48), die Gedenkstätte Griebnitzsee (Kilometer 99) oder die Oberbaumbrücke (Kilometer 158) sein.

Dann ging's auf die Strecke. Ampeln waren zu beachten, denn die Strecke war nicht abgesperrt.

Dann ging’s auf die Strecke. Ampeln waren zu beachten, denn die Strecke war nicht abgesperrt.

35 Kilometer hatte ich erst hinter mir. Viele Radfahrer, die entlang des naturbelassenen Grenzstreifens die Sonne genießen, grüßen unentwegt. Eine junge Frau hält an, fragt mich: „Findet hier ein Marathon oder so statt?“ – „Eher ein 4-facher..“, meine Antwort. Ihr verdutztes Gesicht sprach mir aus der Seele, denn vor mir lag noch ein weiter Weg.

VP 9 (Kilometer 48) ein weiterer Grenzturm: Nieder Neuendorf. Der Weg geht entlang der Havel, die Grenze mittendrin. Danach kam Schönwalde, dann die Exklave Eiskeller. Hier wurde für eine Brauerei Eis aus dem Falkensteiner See gelagert. Dann Kilometer 61, Falkenseer Chaussee. Die Grenzsoldaten Ulrich und Egon waren 1980 für die Fahrradstreife eingeteilt. Der 19-jährige Egon schoss Ulrich in den Rücken und floh in den Westen. Der Schuss war tödlich. Egon verbüßte 20 Monate in Westhaft. In der DDR waren einige der 28 erschossenen Grenzsoldaten berühmt: Straßen, Plätze, Kasernen, Betriebe und Schulen wurden nach ihnen benannt.
Ein Sprichwort besagt: „Kein Lauf ist wie der andere“. Die Cut-Off-Zeiten hatte ich noch gut im Gedächtnis. Eine davon war: Wer nach zehn Stunden nicht mindestens 60 Kilometer hinter sich hatte, wird disqualifiziert.

Ich erreichte VP 14 (Kilometer 80) Schloss Sacrow.  Meine Frau und Töchterchen warteten bereits auf mich, erkennen sofort, das ich mich elendig fühle. Ein für beide ungewohnter Anblick. Die Gründe musste ich nicht suchen, diese hatten sich während der ersten Hälfte des Laufs regelrecht angestaut: klatschnasses T-Shirt, Schüttelfrost trotz 27 Grad im Schatten, Magenprobleme, Erbrechen, zunehmende Unlust, zu schnelles Lauftempo. Es war beileibe nicht mein erster 100 Meilen Lauf…aber es zeichnete sich für mich ab, dass es garantiert der Härteste werden würde.

An den ersten Verpflegungsstellen war die Laune noch gut, der Weg schien nicht mehr weit.

An den ersten Verpflegungsstellen war die Laune noch gut, der Weg schien nicht mehr weit.

Nachdem ich mich umgezogen und mit einem wahrlich tränenden Auge von meiner Frau und Kind verabschiedet hatte, quälte ich mich weiter. Während ich die ersten 80 Kilometer in 10 Stunden absolviert hatte, war die zweite Hälfte der blanke Schrecken. In Folge dessen hat mich der Lauf nicht nur an die ehemalige Grenze geführt, sondern auch an meine eigene: Ich war mental bereits gebrochen, jeder Schritt eine seelische Folter. Der Schweinehund hatte die Ausmaße des Höllenhundes Cerberus. Das war aber auch gut so, denn rückblickend betrachtet war mein Schmerz nichts im Vergleich zu den unsäglichen Gräueltaten, die sich entlang des Mauerwegs ereignet hatten.

Es war bereits dunkel, als ich gegen 2 Uhr morgens bei Kilometer 112 den Sportplatz Teltow erreichte. Hier gönnte ich mir unter Schmerzen eine Dusche, trank danach eine Gemüsebrühe. Die Isomatten auf dem Boden luden zum Schlafen oder Aufgeben ein, beides reizte mich sehr…trotzdem verabschiedete ich mich wieder, mit Stirnlampe und Warnweste raus in die Dunkelheit. Beides Pflichtausrüstung. Später dann befand ich mich in der dunkelsten Ecke von Schöneberg, Kopfsteinpflaster, kaum Straßenbeleuchtung. Überhaupt fiel die Orientierung schwer, glücklicherweise wiesen mir blau-reflektierende Pfeile den Weg.

Bei Kilometer 134 Buckower Damm kam mir eine Frau in Trachten entgegen, zum ersten Mal kann ich wieder Grinsen. “Willkommen in Groß Ziethen, lieber Mario! Komm, kriegst einen heißen Kaffee. Magst dich da drüben auf der Liege für eine Viertelstunde hinlegen? Ich weck‘ Dich dann auch.“ Die beinahe schon surreal anmutende Fürsorglichkeit tat gut, denn längst hatte ich mich daran gewöhnt, dass mich alle paar Minuten eine innere Stimme zum Aufgeben zwang.

Im Ziel war alles wieder gut - aber nie wieder 100 Meilen laufen. Oder doch?

Im Ziel war alles wieder gut – aber nie wieder 100 Meilen laufen. Oder doch?

Irgendwann war es wieder hell, ich war kurz vor dem Ziel, vorbei an der von der Ostseite bemalten East-Side Galerie. Die eigentliche Grenze lag am Kreuzberger Ufer, nicht inmitten der Spree. Wer hier am Kreuzberger Ufer badete, der wurde erschossen. Hier war es, wo die badenden Kinder ertranken, 10 bis 13 Jahre alt. Erwachsene wagten sich nicht ans Ufer, da die Ostseite mit Kalaschnikows auf sie zielte. Die Eltern durften die Leichen ihrer Kinder mit Westmark zurückkaufen.

Es wurde der 18. August: Zusammen mit zwei anderen Läufern erreichte ich die Zielgerade und ließ 160,9 Kilometer bedeutende deutsche Geschichte hinter mir. Von 220 Einzelstartern erreichten 180 das Ziel. Ich lag mit 27:04 Stunden Nonstop-Lauf auf Platz 125. Ich freue mich im Ziel zusammen mit Frau und Töchterchen sowie ihren Schwiegereltern über mein Finish – ich hatte einen weiteren Ultramarathon bewältigt.

„Nie wieder habe ich die Absicht, 100 Meilen zu Laufen!“, rief ich mit gequälter Stimme an diesem Tag, als man mich fragte, ob ich 2014 wieder dabei wäre. Zwei Tage später hatte ich mich erneut für den Lauf angemeldet. Das versteht niemand, am wenigsten wohl meine Frau. Die Faszination, eine derart überwältigend große Distanz zu laufen, übt mehr denn je einen starken Reiz auf mich aus. Warum ich mir so etwas jedes Mal antue? Ich möchte meine eigene Grenze verschieben, diese durchbrechen…jeden Tag ein Stück weit mehr.

Soweit die persönliche Schilderung von Mario Bartkowski, der bei seinem Lauf durch seinen Arbeitgeber, den Kabelfernsehunternehmer Tele Columbus, mit 250 Euro für den Förderverein der Grundschule Breite Straße in Sehnde gesponsert wurde.

Mario Bartkowski/JPH

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2 Kommentare → “Mario Bartkowski aus Sehnde bewältigt Berliner „Mauerlauf“”


  1. kerstin burgholte

    3 Jahren veröffentlicht

    Boah…. gelesen… mitgefiebert.Sprachlos


  2. Maik Horand

    3 Jahren veröffentlicht

    Moin Mario,

    ich wußte, das du es schaffen wirst.

    WAHNSINN. Ich zolle größten Respekt.

    Gruß vom Fenixer


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